Was glauben Sie denn? • Die WZ-Kolumne

Buntes Bundeszeichen

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Er ist ein schillerndes Phänomen, dessen atmosphärisch-optische Erscheinung die Menschen in den Bann zieht. Wenn sich mit der Sonne im Rücken die Wolken voraus die Lichtstrahlen des Zentralgestirns in den Regentropfen brechen entfaltet der Regenbogen sein Pracht und scheint bei aller Fragilität Himmel und Erde zu verbinden. Das Farbenspiel verschwindet oft genauso schnell, wie es sich entfaltet hat. Physikalisch folgt das Phänomen dem Brechungsgesetz. Alles kann berechnet werden. Die Schönheit des Regenbogens aber ergibt sich aus dem erlebten Spiel der Farben. So ist das mit den Naturgesetzen: Wenn deren theoretische Klarheit ästhetisch erfahren und erlebt wird, geraten selbst hartgesottenen Vernunftmenschen nicht selten wenigsten für einen kurzen Moment ins Staunen. Was glauben Sie denn?

Es ist deshalb kein Wunder, dass das Naturphänomen in vielen Kulturen mit symbolischer Bedeutung aufgeladen wird. Die Ureinwohner Australiens, die Aborigines verehren die Regenbogenschlange als Schöpfer der Welt und aller Lebewesen. Die griechische Mythologie sehen in ihm den Verbindungsweg, mit dem die Göttin Iris zwischen Erde und Himmel reist, während die germanische Mythologie im Regenbogen die Brücke „Bifröst“ sieht, die Midgard, die Menschenwelt, und Asgard, die Götterwelt verbindet. Während des Ragnarök, dem Weltuntergang, wird der Regenbogen zerstört. Der Verlust des Regenbogens bedeutet also nichts Gutes …

Nun ist in diesen Tagen der Regenbogen in aller Munde. Nicht nur alte Kulturen haben aus dem Stauen in dem Himmelsphänomen eine Verbindung von Himmel und Erde erblickt; auch in der Neuzeit spielt der Regenbogen in vielfältiger Weise eine symbolische Rolle, die nicht selten politisch aufgeladen ist: Man denke nur an die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts und die Bewegung um Thomas Müntzer, dessen Bewegung der Regenbogenfahne folgte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgte der Weltfriedenskongress mit der „World Peace Flag“ dem Regenbogen. Nicht zuletzt die LGBTQ+-Bewegung hat die Regenbogenfahne als signifikantes und umstrittenes Symbol gewählt. Es ist schon bemerkenswert, welche Aversionen der Regenbogen hier gerade bei manchen, die sich tiefgläubig wähnen, auslösen kann – und das gilt nicht nur für die Quataris, denen man offenkundig während der Fußballweltmeisterschaft 2022 keine bunten Kapitänsbinden zumuten darf und Zuschauer mit regenbogenfarbenen T-Shirts aufgefordert werden, die Farben zu verbergen; auch im christlichen Bereich führt das Aufhängen von Regenbogenfarben – eigentlich als Zeichen der Toleranz gedacht – regelmäßig zu Verwerfungen. Der Regenbogen scheint für manchen Gottesfürchtigen eine echte Provokation zu sein.

Dabei ist der Regenbogen in jüdisch-christlicher Tradition ein wichtiges Bundeszeichen. Die große Sintflutmythos in Genesis 6-9 berichtet davon, wie Gott angesichts des Bösen eingreift. Wo aber fängt dieses Eingreifen an und wo hört es auf. Es heißt, dass bei diesem Eingreifen Gottes fast niemand bestehen kann. Nur Noach und seine Familie werden gerettet – und von jedem Tier ein Paar; alles andere Leben wird in den Fluten vernichtet. Wenn Gott eingreift und das Böse vernichtet, bleibt nichts mehr übrig. Nachdem Noachs Arche auf festem Bund landet, gibt es deshalb eine Art „Reset“ für die Schöpfung – und Gott schließt mit diesen neuen ersten Menschen einen ewigen Bund:

„Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“ (Gen 9,11)

Und Gott besiegelt diesen Bund mit einem Zeichen:

„Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt.“ (Gen 9,13-15)

So symbolisiert der Regenbogen den entmachteten Kriegsbogen. Gott hatte ihn gegen die Erde und die Lebewesen gerichtet; jetzt hängt er ihn als Zeichen des Friedens umgekehrt in den Himmel.

Ob das die religiösen Eiferer wissen, wenn sie sich gegen den Regenbogen empören? Der Bund Gottes gilt allen(!) Lebewesen – niemand wird ausgeschlossen. Es ist ein Bund zwischen Gott und Mensch – ein Bund auf Augenhöhe. Das ist essenziell für das jüdische wie für das christliche Gottesverständnis: Der Mensch ist Partner Gottes! Was Gott achtet, sollte dem Menschen heilig sein. Der Regenbogen ist deshalb immer auch ein Auftrag für die Menschen, die Mitwelt bei aller Verschiedenheit zu achten. Wer sich des Regenbogens schämt, verrät die wichtigsten Werte unserer Kultur. Pacta sunt servanda! Der Vertrag gilt.

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht in einer gekürzten Version der Westdeutschen Zeitung vom 2. Dezember 2022.

Das verlorene Paradies

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Tohuwabohu – Wüste und Wirrnis sind der Stoff, aus dem Gott eins die Welt erschuf. Mit der Schilderung dieses Urzustandes beginnt die erste Schöpfungserzählung am Anfang der Bibel. Bei näherer Betrachtung erweist sie sich eigentlich als ein Hymnus, der sieben Strophen mit identischem Aufbau aufweist: Gott tut etwas; dann sieht er, dass es gut ist. Dann wird es Abend und dann Morgen, bevor die Schöpfungstage am Ende jeder Strophe durchgezählt werden. Die hymnische Form zeigt, dass es sich hier um keinen dokumentarischen Bericht handelt. Vielmehr deutet die strenge Form an, dass Gott Ordnung schafft, wo es wüst und wirr war. Aus Chaos wird Kosmos. Was glauben Sie denn?

Gott wird am siebten Tag ruhen. Das Werk ist vollbracht – und muss doch gehegt und gepflegt werden. Wohl nicht zuletzt deshalb erschafft Gott am sechsten Tag den Menschen als sein Bild. Und so setzt Gott den Menschen als Statthalter in seine Schöpfung. Der Mensch kann mit der Schöpfung nicht tun und lassen, was er will. Er muss Gott Rechenschaft für sein Schalten und Walten ablegen. Er soll ihm nacheifern und aus ungezügelter Natur lebendige Kultur schaffen, Ordnung in das Chaos bringen und das, was wüst und wirr ist, so hegen und pflegen, dass eine lebenswürdige Welt entsteht. Das ist der Schöpfungsauftrag Gottes.

Wer in diesen Tagen durch die Elberfelder Innenstadt spaziert, kann allerorten sehen, wie schwer der Mensch sich mit dieser Zumutung des Schöpfers tut. Nicht nur der Bahnhofsvorplatz am Döppersberg, auch der Von-der-Heydt-Platz zeigen, wie schwer sich der Mensch tut, der Idee Gottes gerecht zu werden. Wo ehedem Bäume Schatten spendeten, am alten Brunnen Kinder spielten, und Menschen über einen kleinen und liebenswerten Platz flanierten, plauderten und einfach lebten, ist nun einen schattenlose Asphaltwüste. Wo eine kleine Oase in der Innenstadt war, ist es wieder wüst geworden. Nun zieren goldene Bänke das verlorene Paradies. Die passen in die zahnbröckelnde Stadt, in die Else Lasker-Schüler verliebt war, wie Schotter in lebendige Gärten. Sie erinnern doch sehr an das Schicksal des Königs Midas von Phrygien. Dem nämlich wurde alles zu Gold, was er berührte – auch die Speisen, so dass er reich geworden armselig verendet. Auch eine goldene Wüste bleibt eine Wüste!

Tatsächlich muss das Paradies kein Garten sein. Das war es am Beginn der Zeit – so jedenfalls erzählt es der zweite Schöpfungsmythos, der vom Heranreifen des Menschen im Garten Eden erzählt. Den aber muss er, durch die Erlangung der Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, verlassen. Diese Fähigkeit ist kein Sündenfall, sondern ein Ausweis der Fähigkeit, als Statthalter Gottes wirken zu können. Nicht ohne Grund heißt es im Hebräerbrief:

„Jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unerfahren im richtigen Reden; er ist ja ein unmündiges Kind; feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinne durch Gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden.“ (Hebr 5,13f)

Wenn nun aber mündige Bürger dieser Stadt angesichts der changierenden mit goldenen Einsprengseln durchsetzten Grautöne eben nicht sehen, dass es gut ist, dann sollten die städtischen Statthalter in sich gehen. Schotterreiche Gärten des Grauens gibt es schon genug. Eine Stadt des Grauens braucht niemand Es ist nicht schlecht, eine Stadt zu bauen. Im Gegenteil: Das Paradies als Sehnsuchtsort erscheint in der Offenbarung des Johannes am Ende der christlichen Bibel sogar als Stadt. Die ist zwar auch golden und aus Kristall, hat aber ein besonders Merkmal – einen Baum:

„Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, steht ein Baum des Lebens. Zwölfmal trägt er Früchte, jeden Monat gibt er seine Frucht; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker.“ (Offb 22,2)

Der Baum des Lebens stand schon im Garten Eden. Wo Bäume sind, kann der Mensch sein. Pflanzt Bäume!

Dr. Werner Kleine

 

Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 11. November 2022.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

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