Geiz war geil

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Auch nach der Sesshaftwerdung ist der Mensch ein Jäger und Sammler geblieben. Bis heute ist er auf der Jagd nach den günstigsten Angeboten. Er sammelt Schnäppchen, denn er ist ja nicht blöd. Am liebsten will er bleiben, wie er ist. Deshalb darf sich nichts ändern. Zweifellos ändern sich die Dinge und Verhältnisse aber laufend. In früheren Zeiten, als der Mensch noch in kleinen Clangruppen von maximal 200-300 Personen lebte, zog man einfach fort und suchte neue Jagdgründe. Das hat sich mit der Sesshaftwerdung geändert. Man hatte jetzt Besitz, den es zu bewahren galt. Man baute Zäune und steckte Claims ab, die es zu verteidigen galt. Er hatte jetzt etwas zu verlieren. Das ist die Angst, die auch den modernen Menschen mit all seinen technischen Errungenschaften umtreibt. Er hat zu viel zu verlieren. Was glauben Sie denn?

Im vergangenen Jahr 2022 sind die westlichen Illusionen wie Seifenblasen zerplatzt. Ganz zu schweigen von den globalen Folgen des Klimawandelt hatte man sich über billiges Gas aus Russland gefreut und nicht nach den Hintergründen gefragt. Man hatte sich selbst für unglaublich schlau halten auf „Just in time“-Lieferketten gesetzt und teure Lagervorhaltungen vermieden. Außerdem ließ man gerne dort produzieren, wo Arbeitskräfte billig und Arbeitnehmerrechte nicht ganz so tiefgreifend waren, wie hierzulande. Geiz war eben geil. Jetzt aber steht uns die selbstverschuldete Blödheit unausweichlich vor Augen. Es ist eben schlimm, wenn nichts bleiben kann, wie es ist.

Dabei weiß der Mensch als Jäger und Sammler um die Herausforderung des Lebens. Jeder Tag hat seine eigene Sorge. Man weiß heute nicht, wohin der Clan morgen ziehen muss. Der sesshaft gewordene Mensch der Gegenwart ahnt das – und trauert im Vorhinein den Gelegenheiten nach, die er verpasst hat, wissen, dass er weitere verpassen wird. Er hat einfach zu viel zu verlieren. In einer enger gewordenen Welt gibt es keine neuen Jagdgründe mehr, die noch frei wären. Die Welt ist in Besitztümer aufgeteilt. Es wäre an der Zeit, dass die Menschengemeinschaft sich zusammenfände und gemeinsame Lösungen für die anstehenden Herausforderungen suchte. Wer aber immer noch in Clangröße denkt, dem ist die Welt zu groß.

Dabei sitzt die gesamte Menschheit auf einem kleinen, unbedeutenden Felsenplaneten in einem Universum, dessen Enden der Mensch nicht fassen kann. Er hat keine andere Heimat. Die Zeit der Clans ist längst vorbei. Es gälte, in großem Maßstab zu denken. Die Veränderung wird kommen – die Frage ist nur, wie. Die Soziologie unterscheidet zwischen Disruption, Desaster oder sozialem Wandel. Letzterer wäre mit Einsicht und Vernunft zu verwirklichen.  Das entspräche dem biblische Begriff der Metanoia, der oft mit „Umkehr“ übersetzt wird, wörtlich aber „Umdenken“ bedeutet. Da aber schon jede politisch gesetzte Disruption (Störung) auf Widerstand jener stößt, die grundsätzlich keine Änderung wollen, steht zu befürchten, dass das Desaster unausweichlich ist. Schließlich tun selbst die frömmsten Gläubigen mit der göttlich-disruptiven Verheißung schwer, der spricht

„Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5)

Wahrscheinlich wird der Prophet Amos – wie so oft – Recht behalten, der im 8. Jahrhundert v.d.Z. angesichts der sichtbaren Bedrohung des Nordreiches mahnt:

„Das Fest der Faulenzer ist vorbei!“ (Amos 6,7),

so dass Gott durch ihn mahnt:

„Sieh her, mit dem Senkblei prüfe ich mein Volk Israel. Ich verschone es nicht noch einmal. Isaaks Kulthöhen werden verwüstet und Israels Heiligtümer zerstört; mit dem Schwert in der Hand erhebe ich mich gegen das Haus Jerobeam.“ (Amos 7,9)

Wir haben es selbst in der Hand, die Herausforderungen zu bewältigen. Wir wären blöd, wenn wir es diesmal nicht anders machen würden. Nur müssten wir uns selbst ändern. Alle!

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht in einer gekürzten Version der Westdeutschen Zeitung vom 13. Januar 2023.

Das verlorene Paradies

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Tohuwabohu – Wüste und Wirrnis sind der Stoff, aus dem Gott eins die Welt erschuf. Mit der Schilderung dieses Urzustandes beginnt die erste Schöpfungserzählung am Anfang der Bibel. Bei näherer Betrachtung erweist sie sich eigentlich als ein Hymnus, der sieben Strophen mit identischem Aufbau aufweist: Gott tut etwas; dann sieht er, dass es gut ist. Dann wird es Abend und dann Morgen, bevor die Schöpfungstage am Ende jeder Strophe durchgezählt werden. Die hymnische Form zeigt, dass es sich hier um keinen dokumentarischen Bericht handelt. Vielmehr deutet die strenge Form an, dass Gott Ordnung schafft, wo es wüst und wirr war. Aus Chaos wird Kosmos. Was glauben Sie denn?

Gott wird am siebten Tag ruhen. Das Werk ist vollbracht – und muss doch gehegt und gepflegt werden. Wohl nicht zuletzt deshalb erschafft Gott am sechsten Tag den Menschen als sein Bild. Und so setzt Gott den Menschen als Statthalter in seine Schöpfung. Der Mensch kann mit der Schöpfung nicht tun und lassen, was er will. Er muss Gott Rechenschaft für sein Schalten und Walten ablegen. Er soll ihm nacheifern und aus ungezügelter Natur lebendige Kultur schaffen, Ordnung in das Chaos bringen und das, was wüst und wirr ist, so hegen und pflegen, dass eine lebenswürdige Welt entsteht. Das ist der Schöpfungsauftrag Gottes.

Wer in diesen Tagen durch die Elberfelder Innenstadt spaziert, kann allerorten sehen, wie schwer der Mensch sich mit dieser Zumutung des Schöpfers tut. Nicht nur der Bahnhofsvorplatz am Döppersberg, auch der Von-der-Heydt-Platz zeigen, wie schwer sich der Mensch tut, der Idee Gottes gerecht zu werden. Wo ehedem Bäume Schatten spendeten, am alten Brunnen Kinder spielten, und Menschen über einen kleinen und liebenswerten Platz flanierten, plauderten und einfach lebten, ist nun einen schattenlose Asphaltwüste. Wo eine kleine Oase in der Innenstadt war, ist es wieder wüst geworden. Nun zieren goldene Bänke das verlorene Paradies. Die passen in die zahnbröckelnde Stadt, in die Else Lasker-Schüler verliebt war, wie Schotter in lebendige Gärten. Sie erinnern doch sehr an das Schicksal des Königs Midas von Phrygien. Dem nämlich wurde alles zu Gold, was er berührte – auch die Speisen, so dass er reich geworden armselig verendet. Auch eine goldene Wüste bleibt eine Wüste!

Tatsächlich muss das Paradies kein Garten sein. Das war es am Beginn der Zeit – so jedenfalls erzählt es der zweite Schöpfungsmythos, der vom Heranreifen des Menschen im Garten Eden erzählt. Den aber muss er, durch die Erlangung der Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, verlassen. Diese Fähigkeit ist kein Sündenfall, sondern ein Ausweis der Fähigkeit, als Statthalter Gottes wirken zu können. Nicht ohne Grund heißt es im Hebräerbrief:

„Jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unerfahren im richtigen Reden; er ist ja ein unmündiges Kind; feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinne durch Gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden.“ (Hebr 5,13f)

Wenn nun aber mündige Bürger dieser Stadt angesichts der changierenden mit goldenen Einsprengseln durchsetzten Grautöne eben nicht sehen, dass es gut ist, dann sollten die städtischen Statthalter in sich gehen. Schotterreiche Gärten des Grauens gibt es schon genug. Eine Stadt des Grauens braucht niemand Es ist nicht schlecht, eine Stadt zu bauen. Im Gegenteil: Das Paradies als Sehnsuchtsort erscheint in der Offenbarung des Johannes am Ende der christlichen Bibel sogar als Stadt. Die ist zwar auch golden und aus Kristall, hat aber ein besonders Merkmal – einen Baum:

„Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, steht ein Baum des Lebens. Zwölfmal trägt er Früchte, jeden Monat gibt er seine Frucht; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker.“ (Offb 22,2)

Der Baum des Lebens stand schon im Garten Eden. Wo Bäume sind, kann der Mensch sein. Pflanzt Bäume!

Dr. Werner Kleine

 

Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 11. November 2022.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

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