Bereitschaftszeit

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Weihnachten war schon einmal friedlicher. Für nicht wenige dürfte der Glühwein in diesem Jahr einen bitteren Beigeschmack haben. Der Herbst der unerfüllten Reformen weicht einem Winter der Herausforderungen. Die Diskussion um die Renten, das soziale Pflichtjahr (für alle), die angedachten Kürzungen der Inklusionspauschale, den Konflikten im Nahen Osten, dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine, dem Genozid im Sudan, der Christenverfolgung in Nigeria - all das kann einem die weihnachtliche Stimmung reichlich verhageln. Wie soll man in diesem Jahr bei all den Krisen und Konflikten Weihnachten feiern? Was glauben Sie denn?

Vielleicht gehört es zu den größten Illusionen der Menschheit, der Advent sei eine stade Zeit der Gemütlichkeit. Wer am 1. Advent einen römisch-katholischen Gottesdienst besucht, wird möglicherweise reichlich verstört sein ob der herausfordernden Worte, die dort aus dem Munde Jesu zu vernehmen sind:

„Wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein. Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.“ (Mt 24,37-41)

Die Sintflut gehört zu den großen Urkatastrophen. Sie ist der Mythos in der Bibel, der die Frage beantwortet, warum Gott nicht eingreift, um das Leid in der Welt zu verhindern und das Böse zu vernichten. Mit der Sintflut hat er das getan - und nichts blieb übrig. Das ist ja die Frage, wer und was so wenig böse ist, dass die Vernichtung überstanden würde. Wer kann für sich in Anspruch nehmen, dann übrig zu bleiben?

Wohl kaum jemand. Niemand könnte sich da sicher sein. In genau dieser Scheinsicherheit haben die Menschen vor der Sintflut gelebt. In derselben Scheinsicherheit leben viele Menschen heute. Das Leben soll möglichst ohne persönliche Herausforderungen gelebt werden können. Der Staat soll einen wohligen Rahmen sichern. Kriege mögen zur Not einem ungerechten Frieden weichen - Hauptsache, die eigene Befindlichkeit bleibt unberührt. Wenigstens jetzt im Advent mit Tannenzweigendurft und Glöckchenklang muss es doch einmal gut sein …

Das Instrument Gottes ist freilich nicht das Glöckchen, sondern die Posaune - oder besser der Shofar! Dessen Klang weckt und rüttelt auf. Seit der Romantik haben wir uns an einen gemütlichen Advent gewöhnt. Dabei ist er eher eine Zeit der Wachsamkeit. Christen erwarten die Ankunft Jesu - und das in einem doppelten Sinn: Wir erwarten das Fest seiner ersten Ankunft in der Heiligen Nacht und seine Wiederkunft. Weil wir nicht wissen, wann er kommt, sollen wir bereit sein. So gesehen ist der Advent keine Zeit der Ruhe, sondern eine Bereitschaftszeit - und eine Zeit der Tatkraft. Noach wartete nicht, sondern er baute die Arche. Er betete nicht mit Worten, sondern mit werkenden Händen. Das gilt heute noch, wenn wir im Vater unser beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Das wird nur geschehen, wenn das göttliche Geschenk der Frucht der Erde durch menschliche Arbeit zu Brot wird. Gott und Mensch, Mensch und Gott müssen zusammenwirken.

Der Winter der Herausforderungen sollte nicht vergehen wie der Herbst der Reformen. Es liegt an uns, an jeder und jedem Einzelnen, ob wir die Herausforderung bestehen. Nur abzuwarten, ob andere es richten werden, ist keine wirkliche Option. Als Gesellschaft müssen wir wohl die alte Tugend der Solidarität neu entdecken. Dann werden die Alten fragen, wie sie die Jungen unterstützen können; die Wohlhabenden werden erkennen, wie sie denen, die trotz harter Arbeit nur wenig besitzen, unterstützen können; die Starken werden für die Schwachen da sein. Ist das nur eine utopische Vision? Vielleicht! Nur muss unsere Gesellschaft die Frage beantworten, wo sie hinwill, wenn nicht jede und jeder Einzelne seinen Anteil an der Verantwortung für das Ganze übernimmt.

Der Advent war allen Beschwörungen zum Trotz nie wirklich eine stille Zeit. Die vorweihnachtliche Eile gehört dazu. Advent ist Bereitschaftszeit. Wir sollten diese Aufbruchsstimmung mitnehmen - wer weiß: Wir könnten womöglich den Winter der Herausforderungen bestehen. Packen wir’s!

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 28. November 2025.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

<< August 2019 >>
MoDiMiDoFrSaSo
2930311234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930311
logisch! Zeitung der Katholischen Citykirche Wuppertal