Das Wort zur Woche (21. November 2021 - Hochfest Christkönig, Lesejahr B)

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Im Auge der Wahrheit

Liebe Leserinnen und Leser,

die Wahrheit liege im Auge des Betrachters – so jedenfalls weiß es der Volksmund. Sicher ist es nicht so, dass alles, was das Volk als so von sich gibt, von sich aus schon wahr wäre. Wahrheit ergibt sich ebenso wenig aus Mehrheitsbeschlüssen, wie wissenschaftlich Erkenntnisse aus demokratischen Prozessen hervorgehen. Nicht die Mehrheit bestimmt, was wahr ist; vielmehr versammelt sich im Laufe der Zeit die Mehrheit – oder, wie manche heutzutage abfällig bemerken, der Mainstream – hinter der Wahrheit, die sich schlussendlich als evident erweist. Sicher kann kein Zweifel daran bestehen, dass bisweilen hart um die Wahrheit gerungen werden muss. Sie ist an sich von flüchtigem Wesen. Man kann sie nicht einfach besitzen und für sich exklusiv in Anspruch nehmen. Was wahr ist muss zu guter Letzt eben auch wirklich sein, eben evident. Die Wirklichkeit ist der Lakmustest jeder behaupteten Wahrheit. Eine Wahrheit, die den Wirklichkeitstest nicht besteht, ist eine Chimäre, ein Scheingebilde, das bestenfalls innerhalb abgeschlossener Systeme funktioniert, nicht aber darüber hinaus.

Nun vertritt gerade die Kirche den Anspruch, für die Wahrheit zu stehen. Damit geht ein Anspruch daher, im Besitz der sogar absoluten Wahrheit zu sein. Kann das aber überhaupt gehen? Kann ein Mensch überhaupt die Wahrheit erfassen? Gesetzt den Fall, Gott ist – und schon hier muss die Einschränkung erlaubt sein, dass das Axiom, die Grundannahme, Gott sei, eben ebensowenig bewiesen werden kann, wie die Grundannahme, er sei nicht –, dann wäre der eine und wahre Gott so etwas wie die absolute Wahrheit. Wäre also ein Mensch in der Lage, diesen Gott in seiner Ganzheit zu fassen? Wäre das möglich, so wäre dieser Mensch größer als Gott und Gott wäre nicht der, als der er geglaubt wird. Weil Gott Gott ist, ist er nicht nur nicht zur Gänze erfassbar. Er ist für Menschen an sich nicht zugänglich, seine Größe überwältigt den Menschen. Davon spricht nicht nur die uralte, auf Mose zurückgehende Erkenntnis, dass Gott für Lebende nicht zu schauen ist, wenn dieser dem Mose auf dessen Wunsch, doch die Herrlichkeit Gottes zu sehen, antwortet:

Du kannst mein Angesicht nicht schauen; denn kein Mensch kann mich schauen und am Leben bleiben. Exodus 33,20

Auch der Antwortpsalm vom Hochfest Christkönig, dem letzten Sonntag, bevor ein neues Kirchenjahr beginnt, ist von dieser unfassbaren Größe Gottes überwältigt:

Der HERR ist König, bekleidet mit Hoheit; der HERR hat sich bekleidet und mit Macht umgürtet. Ja, der Erdkreis ist fest gegründet, nie wird er wanken. Dein Thron steht fest von Anbeginn, du bist seit Ewigkeit. Fluten erhoben, HERR, / Fluten erhoben ihr Tosen, Fluten erheben ihr Brausen. Mehr als das Tosen vieler Wasser, / gewaltiger als die Brandung des Meeres ist gewaltig der HERR in der Höhe. Deine Gesetze sind fest und verlässlich; / deinem Haus gebührt Heiligkeit, HERR, für alle Zeiten. Psalm 93

Diese Haltung der Demut macht es überhaupt nur möglich, sich der Wahrheit zu nähern. Fehlt sie, flieht die Wahrheit. In der Näherung an die Wahrheit aber muss der Mensch vor allem sich selbst und seinen eigenen Beschränkungen gegenüber ehrlich sein. Er mag Teile der Wahrheit erfassen, nie aber die ganze Wahrheit. Dabei muss er bereit sein, das, was er für die Wahrheit hält, wieder in Frage zu stellen, wenn neue Erkenntnisse das bisher als wahr Geglaubte in einem anderen Licht erscheinen zu lassen – sicher eine Eigenschaft, die jenen insbesondere in der Kirche schwerfällt, die sich im Besitz absoluter Wahrheiten wähnen.

Wie sehr dieser Wahn auch die Verkündigung beeinflusst, kann man sehr schön an der Übersetzung des Evangeliums vom Hochfest Christkönig sehen. Die kreist nämlich nicht zuletzt um die Frage der Wahrheit, endet aber just vor der eigentlich zum Textzusammenhang gehörenden berühmten Pilatusfrage:

Was ist Wahrheit? Johannes 18,38

Stattdessen haben die Übersetzer der Einheitsübersetzung eine spitzfindige Form gefunden, den Dialog zwischen Angeklagtem und Richter, zwischen Jesus und Pilatus in eine gewisse Richtung zu lenken. Im Diskurs um die Frage nach Jesu Königtum lassen sie diesen auf die Frage des Pilatus, ob er also doch ein König sei, antworten:

Du sagst es, ich bin ein König. Johannes 18,37a (EÜ 2016)

Betrachtet man das altgriechische Original, entdeckt man freilich eine leichte Manipulation. Die wörtliche Übersetzung lautet eigentlich:

Du sagst, dass ich ein König bin. Johannes 18,37a (Werner Kleine)

Dabei ist exegetisch bedeutsam, dass im griechischen das σύ  (gesprochen: sy – „du“) betont am Satzanfang steht. Die Betonung liegt also darauf, dass Pilates das sagt, also „Du sagst ...“ und nicht „Du sagst es“, wie es in Lesungen gerne (insbesondere mit der Betonung auf "sagst") vorgetragen wird und die Einheitsübersetzung von 2016 insinuiert. Auch der Inhalt dessen, was Pilatus sagt, ist im griechischen eher Behauptung als Bekenntnis. Die Konsekutivpartikel ὅτι  (gesprochen: hóti – „dass“) zeigt an, dass hier eine indirekte Rede folgt. Es ist eben eine Behauptung des Pilatus, dass Jesus ein König sei. Er selbst bestätigt dies ebenso wenig wie den Vorwurf, er würde nach einer irdischen Königsherrschaft streben.

Stattdessen folgt ein kurzer Impuls über den eigentlichen Sinn der Sendung Jesu:

Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. Johannes 18,37b

Es wurde schon erwähnt, dass die sich unmittelbar anschließenden Pilatusfrage, was Wahrheit ist, von den Herausgebern der Leseordnung leider weggelassen wurde. Zusammen mit der Beobachtung einer doch recht willkürlichen Übersetzung in Johannes 18,37a scheint da schon ein gewisser Vorsatz im Spiel zu sein: Will man Jesus hier vor allem doch als König vorstellen?

Jesus aber geht es genau nicht um königliche Ansprüche. Das liegt voll und ganz auf der Linie, die auch an früherer Stelle schon im Johannesevangelium zu beobachten war. Dort heißt es nach der Schilderung um die sogenannte Brotvermehrung in Johannes 6,1-14:

Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. Johannes 6,15

Nichts scheint Jesus also ferner zu liegen, als einen wie auch immer gearteten Herrschaftsanspruch sein eigen zu nennen. Selbst als die Menschen ihm diesen „mit Gewalt“ angtragen wollen, flieht er – so wie die Wahrheit flieht, wenn sie mit Gewalt ergriffen werden soll.

Genau das ist auch im Evangelium vom Hochfest Christkönig im Lesejahr B der Fall. Jesus geht es nicht um Königsherrschaft – weder irdisch noch himmlisch. Es geht um nicht weniger als die Wahrheit, für die er Zeugnis ablegt. Er ist kein König, er ist Zeuge! Wer das Johannesevangelium in seiner inneren Dramaturgie von Anbeginn liest, wird darüber schon im Prolog heilsam stolpern, wenn es dort heißt:

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

Wenn überhaupt ist Jesus also Bote der Wahrheit als Königin. Die soll herrschen, denn sie steht für Gott als König. Schade, dass die Übersetzer hier nicht so exakt gearbeitet haben, dass die innere Dynamik des Textes zum Vorschein kommt. Aber vielleicht hat das einen Grund. Sonst müsste man das doch leicht triumphalistische Christkönigsfest in eine demütigere Gestalt der vorsichtig tastenden, mehr ahnenden als wissenden Wahrheitssuche bringen. Vor allem aber müssten die, die sich zu Jesus bekennen, aus dem Modus kindlich-untertäniger Königsverehrung in den Modus aktiver Wahrheitssuche und -bezeugung gelangen. Das aber wäre dann doch vielleicht zu unbequem – aber heilsam für eine Kirche, die sich in diesen Zeiten an ihrem dann doch etwas voreiligen Anspruch, Hüterin der Wahrheit zu sein, verschluckt. Die Wahrheit zu besitzen, geht ebenso wenig, wie den Heiligen zu zähmen ...

Pilatus jedenfalls war so vorsichtig, die alles entscheidende Frage zu stellen:

Was ist Wahrheit? Johannes 19,38

Für ihn, den Skeptiker, war der Anspruch Jesu vielleicht dann doch zu wenig fassbar, ja töricht; für die aber, die an den vom Kreuzestod Auferstandenen glauben, gilt:

Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 1 Korinther 1,23f

Die Wahrheit braucht Zeugen, keine Hüter! Gerade heute!

Ich wünsche Ihnen vertrauensvolle Woche!
Bleiben Sie gesund und helfen Sie anderen, gesund zu bleiben!

Glück auf,
Ihr Dr. Werner Kleine, PR
Katholische Citykirche Wuppertal

Das Wort zur Woche (7. November 2021 - 31. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B)

Dr. Werner Kleine
Katharina Nowak

Auch ein herausgebrachtes Gebäck muss überlegt sein

Liebe Leserinnen und Leser,

hört man den Lesungen unseres Sonntags aufmerksam zu, so singen sie das Hohelied der Unvernunft. Es fängt schon mit der ersten Lesung an: Der Prophet Elija spricht eine völlig verarmte Witwe an und erwartet ein selbstgebackenes Brot von ihr. Das lehnt sie ab, weil sie selbst nichts mehr hat und aus der Handvoll Mehl und einem wenig Öl, das noch da ist, ihrem Kind und sich selbst die letzten Bissen zubereiten will, bevor sie verhungert. Ja, ja, meint der Prophet, mach das, aber

„mache zuerst ein kleines Gebäck für mich und bring es zu mir heraus.“ (1 Kön 17,13)

Unverschämt von dem Kerl, einer armen Witwe noch den letzten Brotkrumen abzuverlangen. Trotzdem tut sie wie verlangt und der Erfolg?

„So spricht der Herr, der Gott Israels: Der Mehltopf wird nicht leerwerden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet.“ (1 Kön 17,14)

Und so geschieht es. Märchenhaft, aber leider auch recht unglaubwürdig.

Und dann das Evangelium: Jesus lobt die arme Witwe, die zwar nur zwei kleine Münzen in den Opferkasten wirft, aber das ist schließlich ihr gesamter Unterhalt, viel mehr als all das viele Geld von den Reichen, die damit doch nur einen kleinen Teil ihres Überflusses abgeben.

Schließlich der Spiegel vor uns selbst, wenn das Evangelium von Jesu Warnung vor den Schriftgelehrten wiedergibt:

„Nehmt Euch in Acht vor den Schriftgelehrten. Sie gehen gern in langen Gewändern umher … und wollen in der Synagoge die Ehrensitze, …, bei jedem Festmahl die Ehrenplätze.“ (Mk 12,38f.)

Man wird an die Vorbehalte mancher Würdenträger erinnert, doch ja nicht in gleichrangiger Position mit einfachen Laien in die Gottesdienste zum Synodalen Weg einzuziehen, das gezieme sich doch nicht bei den Standesunterschieden. Soll man da lachen oder weinen? Jedenfalls auch hier: die reine Unvernunft, solchen Leuten und Positionen noch Autorität zuzugestehen.

Meist folgen wir der Aufforderung zu blinder Unvernunft ja nicht. Wir wissen, dass auch die Caritas Ressourcen braucht, wenn sie dauerhaft helfen will und auch wir selbst besser nicht unseren ganzen Unterhalt spenden, damit wir nicht selbst hilfsbedürftig werden und weiterhin helfen können. Warum stellt uns Jesus so oft diese unrealistischen Forderungen?

Ich glaube, es liegt daran, dass wir die eschatologische und paränetische Dimension dieser Jesusworte nicht berücksichtigen und von den klaren Anweisungen für den Alltag der Gemeinden unterscheiden. Jesus wollte wohl wirklich und konkret, dass es bei uns nicht so sein sollte wie bei den Pharisäern und Schriftgelehrten, sondern dass alle gemeinsam, die ihm nachfolgen, nur dem einen Hirten folgen, ihm, der der Weg und die Wahrheit selbst ist. Wenn er aber für den vernünftigen Menschen unerfüllbare Forderungen aufstellt, wie die, das gesamte Vermögen wegzugeben und zu leben wie die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels, dann will er dringend und ernstlich ermahnen: es geht um etwas, es geht um Dein Leben! Tu, was Du kannst, handle sinnvoll, aber geh in Deiner Nächstenliebe soweit wie es irgend geht. Und wie bei Elija wird es Dir tausendfach vergolten, wenn am Ende der Zeiten Du selbst Deines Lebens ansichtig wirst und Dich über das freuen kannst, was Du andern Gutes getan hast. Dann wirst Du Deinen Anteil erkennen, dass der Jubel des Psalmisten wahr wird:

„Der Herr ist König auf ewig, dein Gott, Zion, durch alle Geschlechter.“ (Ps 146,10)

Diese Unterscheidung, dieses genaue Hinhören auf die Situation, die wünsche ich uns auch, damit wir gewappnet sind gegen die Unverschämtheiten unserer heutigen „Schriftgelehrten“ und offen für die Appelle des Herrn.

Eine gute Woche für Sie.
Ihre Katharina Nowak

Alle "Wochenworte" finden Sie in unserem Weblog "Kath 2:30":
"Wort zur Woche" auf Kath 2:30

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