Das Wort zur Woche (7. Juli 2019- 14. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C)

Dr. Werner Kleine
Katharina Nowak

Maßstäblich?!

Christian Morgenstern hat in einem kurzen Gedicht zwei Möglichkeiten beschrieben, sich zu dem Umstand zu positionieren, dass die Zeit über einen hinweggegangen ist:

Ich bin der Graf von Réaumur –
Und hass Euch wie die Schande!
Messt nur nach Celsio für und für –
Ihr Apostatenbande.

Im Winkel König Fahrenheit
Hat still sein Mus gegessen;
„Ach Gott, sie war doch schön die Zeit,
da man nach mir gemessen.“

So wie den beiden Herren geht es auch unserer Kirche derzeit in der postmodernen Gesellschaft: wir sind nicht mehr der Maßstab, genau besehen spielen wir gar nicht mehr mit auf dem Spielfeld des zeitgenössischen Diskurses und wir staunen nur noch, wie lange sich so eine Agonie hinziehen kann.

Und ebenso wie diese beiden, die erleben müssen, dass ihre Maßgeblichkeit für die Temperaturmessung dahinschwindet, gibt es auch bei uns solche, die sich voller Aggression in die Anklage gegen die apostatische Welt fliehen – und die gibt es nicht nur bei kath.net -  und solche, die mit verklärt liebevollem Blick auf die Jahre blicken, die hinter uns liegen und am liebsten die Volkskirche der zwanziger Jahre restauriert sehen wollen. Aber auf Bahnhöfen an stillgelegten Bahnstrecken ist es nicht mehr von großem Belang, ob der letzte Zug jetzt vor fünf Minuten oder vor 90 Jahren durchgekommen ist: der Anschluß ist verpasst. Wie in Saarbrücken Hauptbahnhof, würde Loriot das Kursbuch zitieren.

Jetzt fragt sich nur noch, wie denn jeder einzelne sich positionieren möchte, als wütender Rufer in der Wüste, der sich den Staub von den Füßen schüttelt, da man ihn nicht hören will, oder doch lieber in die Modelleisenbahnwelt der Fünfziger, als man noch als Volkskirche lebte wie im Trailer des Königlich-Bayerischen Amtsgerichts, der schon seinerzeit nostalgisch auf die Zeit vor anno 14 blickte:

„Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit; in Bayern gleich gar: das Bier war noch dunkel, die Menschen typisch, die Burschen schneidig und die Dirndl sittsam. Es war halt noch vieles in Ordnung – damals.“

Aber vielleicht sind diese beiden Haltungen nicht die einzig möglichen, sich im Heute einzurichten. Vielleicht sollten wir uns von Paulus in der heutigen Lesung an die Hand nehmen lassen:

„Denn es kommt nicht darauf an, ob einer beschnitten oder unbeschnitten ist, sondern darauf, dass er neue Schöpfung ist!“ (Gal 6,15)

Die wichtigen und zentralen Konflikte der Vergangenheit – und ein solcher war die Ausdehnung auf die Heidenmission ganz sicherlich – lassen wir hinter uns, wir hören auf sein Wort, das uns in seine neue Schöpfung ruft:

„Friede und Erbarmen komme über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten lassen, und über das Israel Gottes.“ (Gal 6,16)

Allerdings: viel Zeit werden wir nicht mehr haben, wenn wir nicht nur auf Ruinen aufbauen wollen. Der Brief Papst Franziskus‘, in dem er vorschlägt, auch manches wichtige noch tief und lange zu bedenken: der kommt wohl einige Jahrzehnte zu spät. Zeit zum Nachdenken ist lange gewesen, die wissenschaftliche Theologie hat sie genutzt, was getan werden muss, ist bekannt. Wer noch etwas „Kirche“ in unseren Gesellschaften der Postmoderne retten will, der muss es jetzt tun.

Seien wir mutig, packen wir es an. Auch wenn wir, wie es im heutigen Evangelium heißt, wie Schafe unter die Wölfe gesandt sind (vgl. Lk 10,3). Der Herr wird uns begleiten.

Ihre
Katharina Nowak

Alle "Wochenworte" finden Sie in unserem Weblog "Kath 2:30":
"Wort zur Woche" auf Kath 2:30

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