Das Wort zur Woche (9. September 2018 - 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B)

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Wahrsager gesucht

Liebe Leserinnen und Leser,

Wahrsager sind rar in diesen Zeiten. Wenn die Angst regiert, haben es Fake-News leichter als die Wahrheit. Der Überlebensinstinkt wird angesprochen, wenn Bedrohungs-Szenarien aufgebaut werden. Die schlechte Nachricht hatte es deshalb immer schon einfacher als die gute Nachricht. Letztere wird schnell zum Opium für das Volk erklärt, zu einer Predigt, mit der man keine Politik machen könne, zu einer Sache, die in das Private gehört. Die schlechte Nachricht hingegen setzt Energien frei; sie wirkt unmittelbar auf die Reflexe, löst wechselweise Flucht- oder Jagdinstinkte aus – je nachdem, welche gruppendynamischen Rahmenbedingungen gegeben sind. Gerannt wird immer – vor allem kopflos. Wozu braucht der Mensch auch Verstand und Wahrheit, wenn ihm der Instinkt genügt? Wozu braucht es noch Beweise, wenn man über die Maßen Massen mit Gerüchten bewegen kann? Macht ist in den Zeiten der Gegenwart in jeder Hinsicht eine Sache des Gefühls. Wer das Gefühl der Macht genießt, muss an den Gefühlen und Urinstinkten der Menschen rühren. Gefühlte Wahrheiten reichen dann aus, die aus der Bestätigung eigener Vorurteile erwachsen. Das gilt gegenwärtig als Alternative für ein Deutschland, in dem man einst dichtete und dachte, das aber wohl nicht mehr ganz dicht im Dach zu sein scheint. Wahrlich: Wahrsager – und zwar echte Wahrsager, die die Wahrheit lieben – sind rar geworden in diesen Zeiten.

Das ist an sich nicht neu. Jede Zeit war zu ihrer Zeit eine schlechte Zeit. Das goldene Zeitalter lag immer in der Vergangenheit, als alles besser war als in einer Gegenwart, in der man das Leben mit Arbeit und Mühen unterhalten muss. Es ist wohl wie bei einer Geburt. Während des Gebärens ist da nur Blut und Schmerz, aber schon kurz nach der Geburt erscheint das alles unter dem Eindruck glücksstimulierender Hormone als schönster Augenblick des Lebens. Weil man weiß, dass man in der Vergangenheit selbst größere Krisen überlebt hat, erscheint das Zurückliegende immer einfacher als die Herausforderungen der Gegenwart. Der bezwungene Berg ist immer niedriger als der voraus liegende Gipfel.

Gut – man könnte aus der Erfahrung lernen. Man könnte wissen, dass man wie bisher auch zukünftig in der Lage sein wird, die kleinen und größeren Probleme, die das Leben so parat hält, zu bewältigen. Mit einer solch ruhigen Hand könnte man gelassen durch das Leben gehen. Der moderne Zeitgenosse aber scheint das zu langweilig zu finden. Er lässt sich stattdessen lieber emotional aufstacheln, wo es nur geht. Und so rufen die Unheilspropheten allerorten: Habt Angst! Seid besorgte Bürger! Fürchtet euch! Die Erfahrung könnte anderes lehren. Aber wer braucht schon Erfahrungen, wenn er sich gruseln kann. Und so bleibt der Mensch dem Menschen ein Wolf, auf das er mit den anderen Wölfen heulen kann und aus dem eigenen Geheul das Fürchten lernt. Auch das ist ein Kreis des Lebens.

Wahrsager hingegen sind rar geworden in diesen Zeiten. Wo sind heute Propheten wie Jesaja, die eine Krise als Chance begreifen, die angesichts schier auswegloser Situationen das Ziel nicht aus dem Blick verlieren, die eine aufrichtige Vision, die es möglich macht, dass Menschen nach vorne blicken und nicht in ängstlichem Aufruhr stecken bleiben? Während die Unheilspropheten der Gegenwart die Migration zur Mutter aller Probleme stilisieren und sich davor fürchten, dass eine kleine Minderheit die Islamisierung des Abendlandes vollbringen könnte, singt Jesaja auf den Trümmern Jerusalems jenes Lied der Hoffnung, das in der ersten Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B verkündet wird:

Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; er selbst wird kommen und euch erretten. Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen. (Jesaja 35,4-7a)

In den Augen und Ohren der modernen Frommen, die ihre Frömmigkeit vor allem privat praktizieren, ist der Text ambivalent. Unumwunden hebt er an:

Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! (Jesaja 35,4a)

Eigentlich könnte man es mit diesem Mut-Ruf doch bewenden lassen – ein Ruf gegen das Angstgeschrei der Welt, dass Menschen in Massen anstimmen, wenn sich selbst die Verzagten sicher sind, Wölfe zu sein. Doch dann kommt jäh eine Verheißung, die sich heute wie ein Faustschlag ausnimmt:

Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung. (Jesaja 35,4b)

Ist das nicht genau jener Rachegott des Alten Testamentes, der das Blut der Feinde will? Mit dem will man doch nichts mehr zu schaffen haben. Und die, die mit diesem Gott nichts mehr zu schaffen haben wollen, müssen deshalb das Schicksal in die eigene Hand nehmen und rufen selbst zur Rache auf und zur Jagd und zur Selbstverteidigung und zum Schutz der eigenen Familien rufen sie dann auf und zum Schließen der Grenzen vor all den Fremden und aus lauter Angst und Gottvergessenheit schlagen sie in Worten und Taten um sich, weil sie mit diesem Gott nichts mehr zu schaffen haben wollen, diesem Gott des Alten Testamentes, dem sie doch besser noch zugehört hätten, wie seine Rache und Vergeltung aussieht ... denn es heißt weiter:

Er selbst wird kommen und euch erretten. (Jesaja 35,4c)

Der tiefere Sinn der Wahrsagerei des Jesaja ist es, die Dinge zurechtzurücken. Wenn der Mensch gottverlassen sein Schicksal in die Hände nimmt, wird Blut fließen. Wenn der Mensch Rache übt, haben die Wölfe Konjunktur. Niemand wird dann gerettet werden, der Untergang wird Blüten treiben. Deshalb gebührt Gott allein die Rache. Er ist Herr über Tod und Leben, nicht der Mensch. Der Mensch hingegen ist in seiner Vergeltungssucht über die Maßen maßlos. Er jagt Unschuldige durch die Städte, zündet Unschuldiger Häuser an und verliert an sich selbst den Verstand. Würde er sich doch wieder Gott zuwenden und es ihm überlassen Rache zu eben – eine Rache und Vergeltung, die Gerechtigkeit bewirkt; denn nur die Gerechtigkeit kann Rettung und Frieden bewirken. Wer sagt denn, dass Gott Blut sehen will? Ganz im Gegenteil: Rache, Recht und Gerechtigkeit – in der deutschen Sprache ist zu erkennen, dass alles miteinander zusammenhängt. Aber wie kann Gott den Menschen rächen und Gerechtigkeit errichten?

Wer hier nur wartet, dass Gott selbst eingreift, übersieht, dass Gott den Menschen selbst bewegt. Jesaja ist so ein Gottbewegter, der durch seine Wahrsagerei bewegt. Man kann im Kleinen anfangen – so wie es im Jakobusbrief in der zweiten Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B heißt:

Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung, und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten Platz!, und zu dem Armen sagt ihr: Du kannst dort stehen!, oder: Setz dich zu meinen Füßen! - macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen? (Jakobus 2,2-4)

Solange Menschen gottvergessen sind, werden sie Menschen sortieren – wir hier, die da – und die da sind meist diejenigen, die für uns hier zu einer Gefahr werden. Wo kommen wir denn hin, wenn die Armen unseren Reichtum schmälern könnten. Selbst der Konjunktiv genügt ja schon, um Angst zu schüren. Angst aber ist keiner der Namen Gottes. Und Gottes Gerechtigkeit, die im Antwortpsalm besungen wird, sieht anders aus:

Recht verschafft er den Unterdrückten, den Hungernden gibt er Brot; der Herr befreit die Gefangenen. Der Herr öffnet den Blinden die Augen, er richtet die Gebeugten auf. Der Herr beschützt die Fremden und verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht. Der Herr liebt die Gerechten, doch die Schritte der Frevler leitet er in die Irre. (Psalm 146,7-9)

Sind da noch Gerechte in dieser Welt, Menschen die die Wahrheit mehr lieben als die Angst, Wahrsager statt Unheilspropheten. Es scheint fast so, als würde viele gottvergessen durch die Welt irren. Ihr eigenes Geheul macht ihnen Angst, so dass sie noch lauter schreien. Ist da jemand, der diesen Blinden die Augen und diesen Tauben die Ohren öffnet? Gott ruft doch immer noch: Habt Mut, fürchtet euch nicht!

Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt! (Matthäus 28,20)

Ihr glaubt das nicht, ihr Zeitgenossen, ihr Vernunftstolzen haltet das für eine fromme Illusion? Ihr seid doch schon längst verloren an eure eigene Angst. Habt ihr denn nichts aus der Vergangenheit gelernt? Seht, Gott ist da! Er ist der da! Wovor fürchtet ihr euch denn? Vor der Gerechtigkeit, die Leben schafft und Leben für alle möglich macht? Wo sind die Wahrsager heute? Die Welt braucht sie wieder, die Propheten mit der guten Nachricht!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche,
Ihr Dr. Werner Kleine, PR
Katholische Citykirche Wuppertal

Alle "Wochenworte" finden Sie in unserem Weblog "Kath 2:30":
"Wort zur Woche" auf Kath 2:30

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