Die Kunst des Wartens

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Der Mensch ist ein zutiefst analoges Wesen. Sicher, die Möglichkeiten der Digitalität bietet viele Chancen. Wo Nachrichten früher per Bote überbracht werden mussten, erreichen. E-Mails und Messengernachrichten in Lichtgeschwindigkeit das andere Ende der Welt. Vieles wird einfacher. Scheinbar jedenfalls. Denn manchmal kommt der Mensch nicht mehr hinterher.

Die Entwicklung schreitet rasant voran. Vor nicht allzu langer Zeit eroberten die sogenannten sozialen Medien die Heime und Hirne. Der Mensch als analoges Wesen ist ihnen noch ausgeliefert, denn in der analogen Welt galten entweder Regeln des sozialen Anstandes. Man wusste, dass es oft besser ist zu schweigen, um als weise zu gelten. Auch bedurfte es eines gewissen Aufwandes, einer nicht anwesenden Person einmal so richtig die Meinung zu sagen. Man schrieb Briefe, die man - seien sie handgeschrieben oder ausgedruckt - zeitaufwändig zu Papier brachte, das man kuvertieren musste. Auf das Kuvert musste man die eine Adresse schreiben - eine (!), denn Massennachrichten waren teuer, schließlich kostete der Versand Geld. Die Nachrichten waren etwas wert. Dann brachte man sie zur Post. Alles in allem ein Prozess der Zeit beanspruchte und viele Möglichkeiten zum Umdenken bot. Heute ist die eigene Befindlichkeit schnell in die Kommentarspalten und Messenger getippt und per Klick einer gesichtslosen Masse öffentlich zugänglich gemacht. Nachgedacht wird nur noch selten. Rausgehauen schon viel mehr. Was glauben Sie denn?

Der Logarithmus belohnt solches Verhalten, denn die Anbieter der Plattformen sind nicht wirklich an einem lebendigen und konstruktiven Diskurs interessiert. Der Mensch ist von alters her ein zutiefst empörungsfähiges Wesen. Das hat ihm in früheren Zeiten das Überleben gesichert. Die Gefahr für Leib und Leben lauerte immer und überall. Wer überleben wollte, musste wachsam sein, stets flucht- oder kampfbereit. Abzuwarten war keine gute Variante. Wer stehen blieb und nachdachte, wurde gefressen.

Diese existentielle Urerfahrung ist in den natürlichen Reflexen des Menschen immer noch vorhanden. Die sogenannten sozialen Medien und die neuen digitalen Möglichkeiten bieten die Gelegenheit zu unmittelbarer Reaktion. Da Geschrei in früheren Zeiten ebenfalls dem Überleben der Sippe diente, weil es andere warnte, reagiert der moderne Mensch eben immer noch nach jenen bewährten Mustern der Altvorderen, die immer noch in seinen Genen sitzen. Die Konzerne, die die digitalen Plattformen, die sogenannten sozialen Medien, aber auch neuerdings die sogenannte „künstliche Intelligenz“ betreiben, wissen das. Sie wollen vor allem Geld verdienen, Geld mit Werbung. Geklickt wird, was empört. Deshalb zählt ein „Gefällt mir nicht“ fünfmal mehr als ein „Gefällt mir“. Deshalb wird das Feuer der digitalen Empörung immer neu angefacht. Nur nachgedacht wird immer weniger. Die sogenannte „künstliche Intelligenz“ verstärkt das. Dabei basiert sie nur auf statistischen Wahrscheinlichkeiten und dem, was im Internet zu finden ist. Sie kann nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden. Deshalb muss man die Ergebnisse, die sie liefert, selbst aufwändig prüfen - und das kann man nur, wenn man in der analogen Welt schon zeitintensiv gelernt hat, was man durch die „künstliche Intelligenz“ an Zeit zu sparen glaubt.

Am 2. Februar feiert die Christenheit das Fest der Darstellung des Herrn. An diesem Fest wird aus dem Lukasevangelium vom greisen Simeon erzählt. Von ihm heißt es, dass er gerecht war und auf den Trost Israels wartete. Er wartete. Er wartete im Tempel zu Jerusalem. Keiner weiß, wie lang. Und dann kommen Maria, Joseph mit dem neugeborenen Jesus in den Tempel, um ihn als Erstgeborenen dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu weihen. Als er sie sieht, geht Simeon ein Licht auf. Er singt:

„Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,29-31)

Erst im Warten leuchtet die Wahrheit auf. Das Warten ist der Erzfeind triebhafter Empörung. Wenn man sich die Welt der Gegenwart anschaut, scheint es wieder an der Zeit, die Kunst des Wartens zu lernen.

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 30. Januar 2026.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

<< April 2031 >>
MoDiMiDoFrSaSo
31123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
2829301234
logisch! Zeitung der Katholischen Citykirche Wuppertal