Mit Mut dem größten Gegner trotzen

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Ist es Trotz oder ist es Mut oder ist es einfach nur normal? Vieles wird heute für mutig gehalten, was eigentlich selbstverständlich ist. Es ist nicht wirklich mutig, mit offenem Visir die eigene Meinung zu sagen, sondern - zumindest in unserem Land - ein grundgesetzlich verbrieftes Recht. Was nicht verbrieft ist, ist Widerspruchslosigkeit. Der Widerspruch ist ja Teil der Meinungsfreiheit jener, die die eigene Sicht nicht teilen. Was glauben Sie denn?

Helmut Schmidt wird die Sentenz zugeschrieben, dass die Demokratie vom Streit lebe. Wenn der Satz wahr ist, dann steht es schlecht um die Demokratie. Nicht nur, dass die sogenannten „sozialen Medien“ dazu beitragen, dass zwar viele ihre sogenannte Meinung herausposaunen und sich dabei hinter Fantasienamen verstecken; auch wird jede noch so banale Meinungsäußerung für ihren vermeintlichen „Mut“ gepriesen. Das mag die Ohren der „Content Creator“ kitzeln und ihre Eitelkeit bedienen. Nur ist nichts daran mutig, seine Meinung zu sagen, wenn sie doch ein verbrieftes Recht ist. Mutig wäre die freie Rede, wenn sie wirklich existentielle Konsequenzen nach sich zöge. Das ist in vielen Ländern der Welt der Fall, wenn Menschen den Mächtigen ins Angesicht hinein trotzen und sich trotz tatsächlicher Gefahr für Leib und Leben nicht mundtot machen lassen. Wer sich hingegen bei bloßer Kritik an seiner Meinung beschwert, dass man ja nichts mehr sagen dürfe, gleicht einem trotzigen Kind in der Quengelzone eines Discounters, dass seinen Willen nicht unwidersprochen erfüllt bekommt.

Trotz ist ein Zeichen unreifer Unvernunft, oft eben eine Haltung infantiler Unfähigkeit, den Widerspruch überhaupt zu ertragen. Mut hingegen wäre notwendig, wenn unter Eingehen eines echten existentiellen Risikos Widerstände überwunden werden müssten. Der Trotz macht sich laut und will den anderen gar nicht zu Wort kommen lassen, während die Mutigen bereit zu offener Auseinandersetzung sind.

Was waren das noch für Zeiten, als in unserer Gesellschaft wirklich gestritten wurde. Was waren das für Zeiten, als in Parlamenten laut, aber mit Respekt gegenüber den Andersdenkenden miteinander gerungen wurde. Was waren das für Zeiten, als man an den Universitäten bereit war, den anderen zuzuhören, weil es sein könnte, dass sie Recht hatten und man selbst - so unwahrscheinlich einem das erscheinen mochte - im Irrtum sein könnte. Was waren das für Zeiten, als die Kompromissbereitschaft noch nicht kompromittiert, sondern ein Mittel war, die Grundlage für den gesellschaftlichen Frieden festigen, der stets neu ausgehandelt werden muss.

Dass das Grundrecht der freien Meinungsäußerung faktisch vermeintlich Andersdenkenden schon im Vorhinein abgesprochen wird, ist ein Symptom einer zutiefst undemokratischen Haltung. Dass Künstlern, weil sie die vermeintlich falschen, etwa jüdische Wurzeln haben, Auftritte verweigert werden, ist da ebenso fatal wie die prophylaktische Abwehr jedweder Kritik, die mit inhaltsleeren Etiketten belegt wird. Dann ist alles plötzlich faschistisch, antimuslimisch rassistisch oder irgendwas mit -phob. So rhetorisch eingemauert wird jeder Diskurs und Meinungsaustausch unmöglich. Wo soll das hinführen?

Dass es eine Chance gibt, den Freimut neu zu lernen, lehrt uns das Beispiel des Paulus von Tarsus. Der war kein Kind von Traurigkeit … und hatte trotzdem manchmal ein zaghaftes Herz. Im Konflikt mit der Gemeinde von Korinth reiste er einmal überstürzt und trotzig ab, weil ihm jemand „Betrübnis“ verursacht hat (vgl. 2 Kor 2,5). Wie ein schmollendes Kind muss er in Ephesus gesessen haben und schreibt der Gemeinde von dort einen Brief „aus großer Bedrängnis und Herzensnot, unter vielen Tränen, nicht um euch zu betrüben, nein, um euch meine übergroße Liebe spüren zu lassen“ (2 Kor 1,4). Er ahnt, dass seine Trotzreaktion ein erbärmliches Bild in der Gemeinde hinterlassen hat. Er weiß, dass er sich ändern muss, um die Situation zu retten. In dieser Hoffnung tritt er nun „mit großem Freimut auf“ (2 Kor 3,12) und redet offen zur Gemeinde (vgl. 2 Kor 7,4). Warum das nun mutig ist? Weil er seinen Trotz überwindet und sich auf die Sicht der anderen einlässt. Den größten Gegner zu überwinden, ist tatsächlich mutig: Sich selbst und die eigenen Begrenzungen. Bei allen Heiligen: Sind Sie so mutig?

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 30. Oktober 2026.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

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