Wie Schach mit Keulen

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Schach - das ist Politik in Spielform. Jedenfalls stellen sich viele das so vor. 64 weiße und schwarze Felder, 32 Figuren mit unterschiedlichen Aufgaben, 16 davon auf jeder Seite gleich. Die Ausgangssituation ist fair verteilt - Politik und Macht auf Augenhöhe. Das Ziel ist allerdings, den gegnerischen König matt zu setzen. Der Bessere oder die, die die klügeren Züge spielt, gewinnt. Bei gleichstarken Spielern ist auch ein Remis möglich - oder ein Patt, wenn keine anderen Züge möglich sind und ein König nicht mehr ziehen kann, weil alle Felder um ihn herum bedroht sind. Die Regeln sind festgeschrieben. Schach ist so gesehen ein Spiel regelbasierter Politik, ein Paradebeispiel spielgewordenen Völkerrechts. So muss Politik funktionieren! Was glauben Sie denn?

Nun setzt das Schachspiel voraus, dass beide Gegner sich an die Regeln halten. Man beendet das Spiel einfach, wenn sich einer nicht an die Regeln hält. Das echte Leben hingegen ist kein Spiel dieser Art. Hier bemühen sich viele, nach den vermeintlich vereinbarten Regeln zu spielen, die sich in langen, manchmal Jahrhunderte währenden Prozessen als Konventionen herausgebildet haben. Das Spielfeld des Lebens ist der Planet Erde. Den kann man nicht verlassen. Wir sind verdammt, auf diesem Spielfeld das Spiel des Lebens zu spielen - ein Spiel, in dem zunehmend das Recht der Stärkeren gilt. Die konventionellen Regeln werden zunehmend ignoriert.

Schach, das war einmal das Spiel der Könige und königlichen Geister, in denen man sich intellektuell maß. Politik, das war einmal die Kunst der Diplomatie und diplomatischen Geister, in denen Bedürfnisse durch Geben und Nehmen austariert wurden. Im diplomatischen Ideal ging es nicht um Gewinner und Verlierer, eher um den Ausgleich zwischen den beteiligten Parteien, die eine Lebensgrundlage zum Ziel hatte, auf der alle Beteiligten gerecht leben konnten. Das ist der ggwlHintergrund der regelbasierten Politik und des Völkerrechtes, die beide nur - um des mit dem bekannten Böckenförde-Diktum zu sagen - aus einer Voraussetzung heraus verwirklicht werden können, die sie selbst nicht schaffen können. Ignorieren eine oder mehrere Parteien diesen Hintergrund einfach, können die anderen noch so sehr die regelbasierte Ordnung des Völkerrechts beschwören - es wird nichts nützen, weil es niemanden gibt, der die Einhaltung des Völkerrechtes letztinstanzlich garantieren und dessen Verletzung sanktionieren kann. Es ist, als wenn ein König mit einem Keule schwingenden Räuber Schach spielt - die Keule wird im Zweifel gewinnen und mit einem Schlag auf das Schachbrett das Spiel beenden.

Das ist die Situation, in der sich die Welt gegenwärtig befindet. Die Keulenschwinger der Gegenwart glauben, sich nehmen zu können, was sie wollen. Und so handeln sie. Sie stolzieren über das Schachbrett der Welt und fühlen sich wie Sieger in einem Spiel, dessen Regeln sie einfach ignorieren. Die anderen im Spielfeld beklagen das und klagen den Regelbruch an; sie ernten nur Hohn und Spott. Sieht so nicht das dystopische Ende jeder Utopie einer friedvollen Zukunft aus?

Nicht, wenn die anderen Spieler endlich lernen, sich nicht am Verhalten der Keulenmänner zu auszurichten. Sicher: Sie können das Spielfeld nicht verlassen. Aber es gewinnt eben nicht immer der Stärkere. Klugheit, Geduld und Tatkraft haben immer wieder gezeigt, dass auch die scheinbar Schwachen die vermeintlich stärkeren besiegen können. Das biblische Beispiel des Aufeinandertreffens Goliaths auf David zeigt das. David wusste, dass Goliath in seiner Größe auch unbeweglicher ist. Stärke kann durch Wendigkeit und Geschick ausgeglichen werden. Auch die vermeintlich Kleinen sind den Starken nicht ausgeliefert, wenn sie lernen, vom Ende her zu denken: In einer Welt der Keulen und der kurzfristigen Triumphe, wird auch der Stärkere nur den Tod finden. Habt also keine Angst. Seid klug. Es sind die wendigen Bauern, die oft als letzte stehen bleiben, auch wenn jemand auf das Brett haut. Sie sind es, die in vielen kleinen Schritten zu mächtigen Damen werden können und so doch noch das Blatt wenden können. Es sin diese Kleinen, die im Spiel des Lebens die wahrhaft Großen sind. Spielt dieses Spiel und wählt das Leben!

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 10. Januar 2026.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

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