Die Freiheit liegt dazwischen. Sie umfasst die Länge jenes Augenblicks der Entscheidung zwischen Reiz und Reaktion. Wer auf Reize nur wie der berühmte pawlowsche Hund reagiert, nimmt sich selbst jene Freiheit, zwischen verschiedenen Wegen der Reaktion zu entscheiden, ja, möglicherweise sogar gar nicht zu reagieren. Die Kommentarspalten der sogenannten „sozialen Medien“ lassen hingegen ahnen, dass bei allzu vielen das Reiz-Reaktions-Schema ungetrübt funktioniert. Die Kunst der Toleranz bleibt dabei auf der Strecke, jene Fähigkeit, den anderen Menschen auch dann zu ertragen (so die wörtliche Bedeutung des lateinischen „tolerare“), selbst wenn er Dinge behauptet, die der eigenen Sichtweise nicht zugänglich sind. Die einfache Frage: „Könnte er oder sie vielleicht doch Recht haben?“ kommt den Wenigsten in den Sinn. Was glauben Sie denn?
Was in der digitalen Welt gang und gäbe ist, breitet sich zunehmend in der analogen Welt aus. Auch hier lässt man sich nicht mehr lumpen und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Dabei wäre es wichtig, sich diesen Moment Freiheit zu gönnen. Den noch freiheitsliebenden Menschen kann man oft an einem kleinen Laut erkennen - jenem „äh“, mit dem er oder sie sich den Moment Freiheit gönnt, jenen Augenblick, in dem sich entscheidet, welche Richtung der Gedanke und die folgende Handlung nehmen kann. Die, die sich zweifelnd voran stammeln, wissen oder ahnen zumindest, dass ihr Reden und Handeln Folgen hat. Sie wissen um die Kunst des Augenblicks, in dem die Freiheit zu sich selbst kommt.
Glaubende mögen diesen Augenblick als Geistesblitz begreifen, in dem die Ewigkeit in der Zeit aufleuchtet. Es ist die Gelegenheit, die Kain gehabt hätte, als ihn der Neid auf seinen Bruder Abel erfasst. Beide haben mit ihren Fähigkeiten die göttlichen Gaben bearbeitet: Abel als Schafhirt, Kain als Ackerbauer. Beide wollen Gott seinen Anteil übergeben und so mit ihm in Beziehung treten. Die Bibel beschreibt diesen Vorgang lakonisch - je nach Übersetzung - mit „Gabe darbringen“ oder „opfern“. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Brandgabe, bei dem der Rauch aufsteigt und eine sichtbare Verbindung zwischen Erde und Himmel, Mensch und Gott anzeigt. Was bei Abel funktioniert, schlägt bei Kain fehlt; vielleicht wehten die Winde einfach ungünstig. Der Reiz der Enttäuschung und des Neides überläuft Kain heiß - und es kommt zu jenem Moment, in dem Gott seinerseits eine Beziehung zu Kain aufbaut und ihn warnt:
„Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, darfst du aufblicken; wenn du nicht gut handelst, lauert an der Tür die Sünde. Sie hat Verlangen nach dir, doch du sollst über sie herrschen.“ (Gen 4,6f)
Es ist der Moment der Freiheit, in dem Gott nicht nur warnt; Kain hätte hier auch die Gelegenheit gehabt, sich für das Leben zu entscheiden.
Es ist die erste Stelle in der Bibel, an der das Wort „Sünde“ auftaucht. Gott warnt Kain vor dem Sündenfall. Kain aber schafft es nicht, den Moment zu nutzen. Er wird seinen Bruder ermorden. Der Sündenfall wird geschehen sein.
Kain hätte anders handeln können. Kain hätte erkennen können, dass ihm mehr zuteil wird als die Annahme eines Brandopfers. Kain hatte die Gnade einer Gottesnähe, die Abel so (noch) nicht hatte. Hätte er doch - vielleicht etwas erstaunt - „äh“ gesagt … die Geschichte hätte eine andere Wendung nehmen können.
In seiner gerade veröffentlichten Enzyklika „Magnifica humanitas“ nimmt Papst Leo XIV einen Gedanken seines Vorgängers aus dem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ auf: Die Zeit ist mehr wert als der Raum. Er schreibt:
„Es kommt nicht in erster Linie darauf an, Machtpositionen zu besetzen oder kulturelle Festungen zu bewachen, sondern Prozesse des Guten in Gang zu setzen und sie reifen zu lassen.“ (Magnifica Humanitas, Nr. 25)
Ideologien führen zu Frontstellungen. Sie dienen oft jenem Reiz-Reaktions-Schema, dass die Gegenwart beherrscht: Wir hier, die dort! Wir haben Recht! Die anderen nicht! Wo eine Gesellschaft so gespalten ist, droht Zerfall. Wir können das Schema durchbrechen - in jenem kleinen Augenblick der Freiheit, jenem „äh“, das einer vorschnellen Antwort vorausgehen kann. Ob Sie glauben oder nicht: Gönnen sie sich diesen Moment der Freiheit. Es ist dieses „Dazwischen“, der uns zu Menschen macht.
Dr. Werner Kleine
Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 26. Juni 2026.
In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":