Die verlorene Mitte

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Die Demokratie diffundiert. Nicht nur aktuelle Umfragen, sondern vor allem die Wahlen der letzten Wochen zeigen, dass die politisch extremen Ränder erstarken, während die Mitte schwächer wird. Sicher, die klassische Einteilung zwischen Rechts und Links funktioniert nicht mehr wirklich. Galt im Bund die CDU/CSU früher als eine Fraktion des rechten Spektrums, wurde die SPD der linken Seite zugeordnet. Weiter außen gab es keine politische Größe, die nennenswert gewesen wäre. Legendär ist der Spruch von Franz-Josef Strauß, dass es rechts der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben dürfe.

Die parlamentarische Mechanik hat sich seitdem grundlegend geändert. Die ehemaligen Volksparteien SPD, CDU/CSU, aber auch Die Grünen finden sich in der Mitte wieder. Eigentlich waren sie da immer. Als im Parlament CDU/CSU und SPD den Großteil der Plätze zwischen den Rändern und der Mitte ausfüllten, kann man trefflich streiten, ob die links, rechts oder nicht doch eher mittig zu verorten sind. Wahlen jedenfalls wurden früher immer in der Mitte gewonnen.

Die ehedem so genannten „Volksparteien“ verzeichnen nunmehr hohe Verluste in der Wählergunst, während rechts- wie linksextreme Parteien einen enormen Zuwachs in der Wählergunst erfahren. Manche Repräsentanten eben jener Parteien frohlocken, nun sei man selbst die eigentliche Volkspartei und repräsentiere somit die Mitte der Gesellschaft. Im neu gewählten Parlament von Sachsen-Anhalt rückt man mit dem Gewicht von 44% der Wählerstimmen auch sichtbar in die Mitte des Plenarsaals, während man die Grünen gar an den rechten Rand der Sitzreihen drängt. Nun ändert die räumliche Verortung der Parlamentarier innerhalb der Sitzungssäle nichts an der politischen Gesinnung. Auch Mehrheiten begründen in sich keine politische Mitte, die die Menschen zusammenhält. Die Ränder werden halt breiter. Dadurch gerät die feinjustierte gesellschaftliche Balance aus dem Gleichgewicht. Die ohnehin dünne Firnis des gesamtgesellschaftlichen Konsenses bricht.

Ernst-Wolfgang Böckenförder hat mit seinem Diktum Recht: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Wo die Mitte verloren geht, geht auch der Punkt verloren, der die Menschen zusammen hält. Wenn das Gravitationszentrum fehlt, driften die Dinge auseinander.
Die politische Mitte ist verloren gegangen. Wahlen gewinnt, wer mit vollem Mund spricht, was kaum zu halten ist, wohl aber vorgibt, dem Volk aufs Maul geschaut zu haben. Der demokratische Diskurs hat sich in eine Kakophonie aus Unterstellungen, an der Wahrheit kaum interessierten Behauptungen und persönlichen Desavouierungen verwandelt. Wollen wir wirklich so leben?

Angesichts der politischen Entwicklungen der letzten Jahre besteht die Aufgabe, die gesellschaftliche Mitte wieder zu formieren. Momentan bilden sich Extreme, zwischen denen, einer Schlucht gleich, ein Abgrund auftut, ohne, dass es eine Brücke oder eine Verbindung gäbe, die einen echten Diskurs ermöglichte, in dem die Probleme der Gegenwart erörtert und - bei aller politischen Differenz - nach Lösungen gesucht würde. Die, die derzeit in der Regierung Verantwortung tragen, erscheinen selbst unfähig, feste Fundamente zu setzen, auf denen man solche Brücken bauen könnte. Wer für eine mehrjährige Legislatur gewählt ist, aber dann doch kurzatmig nur von Landtagswahl zu Landtagswahl schaut und nach für die eigene Partei schlechten Ergebnissen mal schnell politisch gefällige, aber intellektuell unredliche Zusagen macht, die dann doch wenig später kassiert werden müssen, baut letztlich auf Sand. Stattdessen wäre es wichtig, die echte Mitte wieder zu suchen, jenen Punkt, von dem aus die Gesamtgesellschaft wieder ins Gleichgewicht kommt - im Geben und Nehmen. Man könnte anfangen, die, um die es geht, wieder in die Mitte zu stellen. Der Mann aus Nazareth, auf den sich die Christenheit beruft, könnte da als Beispiel dienen: Er stellt ein Kind in die Mitte, um deutlich zu machen, dass im Reich Gottes die Schwachen und Geringen zählen (vgl. Mt 18,2). Oder er fordert einen Mann mit verdorrter Hand auf, in die Mitte zu treten, bevor er ihn heilt (vgl. Mk 3,3). Und schließlich tritt der Auferstandene in die Mitte der verängstigten Jünger, um sie aufzurichten (vgl. Joh 20,19). Ach, gäbe es im politischen Zentrum doch eine Partei, die dem dergestalt Christlichen eine soziale Gestalt gäbe … Was glauben Sie denn?

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 9. Oktober 2026.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

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