Im Anfang ist eine Seite schrecklich leer. Bevor eine Kolumne wie diese entsteht, liegen Tage der Entscheidung. Welches Thema soll angegangen werden? Welche Aspekte könnten interessieren? Welche Gattung und welche Strategie sollen verwendet werden? Wie kann man die Lesenden mit der Überschrift und den ersten Worten in den Text hineinziehen? Wie kann man sie mit auf eine Gedankenreise nehmen, das Komplexe vereinfachen, ohne es zu banalisieren, und trotzdem so erzählen, dass sie auch noch die letzten Worte erreichen? All das ist auf der leeren Seite verborgen, aus der man die schwarzen Striche, die man gemeinhin Buchstaben nennt, befreien muss. Weiße Seiten bergen einen Schrecken der Leere, mit dem schon viele Autoren gerungen haben. Was glauben Sie denn?
Einen Text zur Welt zu bringen ist ein Weg durch Höhen und Tiefen, manchmal eine schwere Geburt, aber meistens dann doch eine Reise, die auch den Autor erkenntnisreicher macht, als es vor dem Texten war. In der Begegnung mit anderen, deren Gedanken man kennenlernt, die zu Themen und Argumenten inspirieren, reift die eigene Sicht auf ein Thema. Man eignet es sich zunehmend an, geht mit ihm schwanger, bis man schließlich den Text gebiert. Manche Geburt ist wahrhaft schwer, bevor es heißt: Es ist ein Text! Und ich bin sein Autor! Jetzt, wo der Text das Licht der Welt erblickt hat, macht er sich selbständig, nimmt Gestalt an in den Lesenden, bringt neue Gedanken hervor, erweckt Widerspruch und Zustimmung. Er beginnt ein Eigenleben zu führen. Der Text lebt! Die Arbeit hat sich gelohnt …
Diese ganze Arbeit wird zunehmend überflüssig. Seit es die sogenannte KI gibt, bedarf es nur weniger Anweisungen, der sogenannten „Prompts“, und der elektronische Knecht liefert Texte in beliebiger Länge - und das ohne jede Anstrengung. Genau deswegen sind sie ja „künstlich“; aber sind sie auch intelligent?
Ein großes Missverständnis liegt darin, dass hier von einer den Menschen ähnlichen Intelligenz die Rede ist. Das englische „intelligent“ hat damit wenig zu tun. Eher geht es um das Sammeln und Verarbeiten von Daten. Auch die KI ist nichts anderes als elektronische Datenverarbeitung. Die „KI“ ist letztlich nichts anderes als ein stochastische Maschine, die Wahrscheinlichkeiten berechnet; diese Berechnungen kann sie vornehmen, weil man sie mit Daten gefüttert hat, vielen Daten … sehr, sehr vielen Daten. Wohlgemerkt: Sie wurde gefüttert, sie lernt nicht. Ob da auch die Schöpfer der KI nicht wissen, was in ihr vorgeht? Das mag man glauben, oder nicht. Es kann einfach ein Marketingtrick sein. Jüngst wurde berichtet, dass eine KI aus einer vermeintlich geschützten Umgebung „ausgebrochen“ und in die Infrastruktur einer anderen KI eingedrungen sei. Es stellte sich freilich heraus, dass die geschützte Umgebung Lücken hatte. Und natürlich ließen andere KI-Anbieter das nicht auf sich sitzen. Die Meldungen, dass auch ihre KIs ausbruchfähig sind, ließ nicht lange auf sich warten … ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
So lebt die KI von einem Versprechen, nämlich dem der Mühelosigkeit. Längst überlassen viele sogar ihre Urlaubsplanung der KI, beschäftigen sogenannte „Agenten“ mit der Buchung, geben bereitwillig ihre Kreditkartendaten, Urlaubsziele und Vorlieben preis, bewundern, dass die KI sogar Packlisten bereitstellt und man sich nur noch in den Flieger oder Zug setzen muss. Dass das alles letztlich bei Firmen in China und den USA landet, dort gespeichert und sicher nicht nur zu philanthropischen Zwecken verwendet wird, liegt eigentlich auf der Hand. Aber der Hype und die vermeintliche Modernität sind einfach zu verführerisch …
Verloren geht dabei ein Stück Souveränität, aber auch die Vorfreude, die ehedem schon bei den Planungen eintrat. Wo man früher Subjekt des Handelns war, läuft man nun Gefahr, zum Objekt zu werden. Die Lust an der selbstverschuldeten Unmündigkeit scheint wieder groß zu sein. Der Schrecken der Leere droht jedenfalls zu verblassen - und mit ihm die Freude zu denken, zu entdecken, zu schaffen und zu verwerfen, zu ringen und zur Welt zu bringen. Papst Leo XIV erinnerte in seiner Ansprache an die Vertreter der Medien vom 12. Mai 2025:
„Kommunikation ist nämlich nicht bloß die Übermittlung von Informationen, sondern Schaffung einer Kultur, menschlicher und digitaler Umgebungen, die zu Räumen des Dialogs und des Austauschs werden.“
Auch die Digitalität hat Relevanz für die analoge Existenz.
Im Anfang jedenfalls war das Wort, das aus dem Tohuwabohu, der wüsten Ödnis, die Schöpfung hervorbrachte. Das sollten wir nicht auf Spiel setzen. Deshalb schreibe ich weiterhin ex motu proprio - aus eigenem Antrieb!
Dr. Werner Kleine
Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 28. August 2026.
In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":