Wachstum ist ein zentraler Anspruch moderner westlicher Gesellschaften. Dabei sind Ressourcen meist endlich. Das gilt insbesondere für gesellschaftliche und soziale Ressourcen, die nicht beliebig erweitert werden können. Irgendwo fordert immer irgendjemand, man brauche mehr Personal für die Betreuung von Kindern, für die staatliche Sicherheit oder für die Pflege. In der Regel bleibt die Frage unbeantwortet, woher das Personal kommen soll. Es fordert sich halt fröhlicher als probate Problemlösungen zu liefern.
Der Umgang mit Ressourcen ist auch den gemeinen Alltag der Bürgerinnen und Bürger. Hier liegen sogar die größten Herausforderungen der Gegenwart. Nehmen wir das Beispiel „Rente“. Die Ressource „Gesamtmenge des zur Verfügung stehenden Geldes“ ist begrenzt. Die Zahl der Rentner hingegen steigt gegenwärtig stetig an. Es ist rein rechnerisch klar, dass das aktuelle System in nicht ferner Zukunft an seine Grenzen stoßen wird. Viele nehmen zwar an, dass sie mit den Beiträgen ihre eigene Rente finanziert hätten. In der Tat war die Rente bis zu Rentenreform 1957 unter der Kanzlerschaft Adenauers kapitalgedeckt. Mit dieser Reform wurde die „dynamische Rente“ eingeführt, die nicht nur die Rentenentwicklung an die Lohnentwicklung koppelte, sondern auch ein Umlageverfahren einführt. Der berühmte „Generationenvertrag“ sah vor, dass die jüngeren, erwerbstätigen Generationen die Renten der Ruheständler finanzierten. Man zahlte also nicht mehr für die eigene Rente ein, sondern für die der älteren Generation.
Das funktionierte leidlich. Die Rente war sicher. Verfassungsrechtlich ist sie das immer noch - freilich nicht hinsichtlich der Höhe, sondern hinsichtlich der Zusage der Existenzsicherung. Gegenwärtig gerät das System ins Schlingern. Immer weniger junge Erwerbstätige müssen die Rente einer immer zahlenmäßig wachsenden Kohorte von Ruheständler finanzieren. Kann das gutgehen? Was glauben Sie denn?
Politiker analysieren das Problem zutreffend. Aber wo sind die Lösungen? Kann man die Jüngeren noch mehr belasten? Sollen die Älteren doch wieder länger arbeiten? Gibt es überhaupt einen „wohlverdienten Ruhestand“? Wer sich auch immer hier aus der Deckung wagt, muss Nehmerqualitäten zeigen. Leicht wird das nicht, denn die Gesellschafter unserer Demokratie zeigen Nehmerqualitäten meist nur, wenn sie dem eigenen Vorteil dienen; Geberqualitäten sind rar geworden.
Das Problem ist größer. Auch die Kranken- und Pflegeversicherung kommen an ihre Grenzen. Reformen sind notwendig, keine Frage. Aber sie dürfen eben nicht unsolidarisch sein. Eine gerechte Reform darf nicht zu Lasten derer gehen, die ohne materielle Hilfe ins Hintertreffen geraten. Wie aber sieht es mit jenen aus, die vermögen, sich selbst zu helfen? Natürlich haben auch sie das Recht, aus den Beiträgen, die sie in die Sozialgemeinschaft der Versicherten eingezahlt haben, die ihnen zustehenden Mittel zu beziehen. Ist es aber wirklich ungerecht, die, die über Vermögen verfügen, stärker in die Verantwortung zu nehmen?
Die Frage ist nicht leicht zu beantworten - zumindest, wenn man den Blick nur darauf lenkt, was man sich vermeintlich verdient hat. Was vielen die Existenz sichert, ist für jene, die mehr vermögen, eine nette Zulage - eine Zulage, die die Ressourcen aller belastet. Das ist Teil des Subsidiaritätsprinzips: Was die Einzelnen können, sollen sie auch selbst tun. Wo im Ganzen das Gemeinwohl auf der Kippe steht, könnte deshalb jener Perspektivwechsel hilfreich sein, auf den der des Autors des 1. Timotheusbriefes hinweist:
„Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen! Sie sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und, was sie haben, mit anderen teilen. So sammeln sie sich einen Schatz als sichere Grundlage für die Zukunft, um das wahre Leben zu erlangen.“ (1 Tim 6,17-19)
Man muss die tröstliche Motivation aber gar nicht in der Ewigkeit suchen. Ein starkes Gemeinwohl dient schon hier dem gesellschaftlichen Frieden, der wächst, wenn die begrenzten Ressourcen wirklich gerecht verteilt werden. Wer Vermögen hat, vermag für sich selbst zu sorgen - und kann sogar noch jenen helfen, die das nicht vermögen. In diesem Sinne kann man einfach gemeinsinnig sein, ohne gemein zu sein …
Dr. Werner Kleine
Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 5. Juni 2026.
In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":