Es gab schon geistreichere Zeiten. Zeiten, in denen die Worte den Taten folgten. Heutzutage ist die Welt voller Wortemacher. Viele von ihnen sind nicht sonderlich an Fakten interessiert. Die eigene Ideologie wird zur umfassenden Wahrheit erhoben und mit Worten kaschiert. Kaum einer macht sich mehr die Mühe, die Wirklichkeit hinter den wortreichen Behauptungen zu überprüfen. Man glaubt, was in die eigene Ideologie passt. So zählt nicht mehr das Wort, sondern die eigene Sicht auf die Welt. Was glauben Sie denn?
Das gilt insbesondere für die, die die Macht in Händen halten. Der griechische Philosoph Platon vertrat bereits im 4. Jahrhundert v.d.Z. angesichts einer zunehmenden Ungerechtigkeit und Machtgier die Ansicht, dass ein Staat nur dann gerecht regiert würde, wenn die Philosophen die Macht innehätten; wenigstens sollten die Herrscher nach echter Weisheit und Wahrheit streben. Wer nach Weisheit und Wahrheit strebt, will den Dingen wirklich auf den Grund gehen. Er weiß auch, dass nur eine Gesellschaftsordnung, die grundlegend auf Gerechtigkeit aufgebaut ist, die Basis für ein friedvolles Zusammenleben ermöglicht. In einer gerechten Welt gilt das Prinzip der Solidarität: Wer arbeiten kann, muss gerechten Lohn empfangen. Wer schwach ist, hat Anspruch auf Unterstützung. Die Starken stützen die Schwachen.
Freilich ahnte schon Platon, dass sein Konzept eher ein utopisches Ideal ist. Gerade in heutigen Zeiten, in denen sich jede und jeder einfach so „Philosoph“ nennen darf, sind die Fragezeichen nicht kleiner geworden. Manch einer, der vorgibt, ein Philosoph zu sein, erweist sich bei näherem Hinsehen eher nicht als „Freund der Weisheit“, sondern sonnt sich prächtig im Glanz der eigenen Eitelkeit. Wortreich wird der Mangel an wahrem Geist kaschiert. Kann es da wundern, dass der Mangel an echter Liebe zur Weisheit sich auch darin widerspiegelt, dass viele Machthaber der heutigen Zeit offenkundig eher aus eitlen Motive getrieben sind als aus dem Streben nach Gerechtigkeit? Dieses bedarf eines echten Rückgrates, das Widerstände hinnehmen kann; jenes gleicht hingegen einer Feder, die beim leisesten Windhauch davon geweht wird.
Die Christenheit feiert in den nächsten Tagen das Pfingstfest. Laut neutestamentlichem Zeugnis kam am fünfzigsten Tag nach der Auferstehung des Gekreuzigten und zehn Tage nach seiner Himmelfahrt der Heilige Geist auf die Jünger herab. Das Ereignis wird als Einbruch der schöpferischen Wirklichkeit Gottes beschrieben: Die, die sich eben noch ängstlich verborgen hielten, fangen nun an, das Wort Gottes freimütig zu verkünden. Seit diesen Tagen muss der Heilige Geist für vieles herhalten. Gerade in kirchlichen Dingen wird er oft bemüht, um die eigene Sicht der Dinge geistlich zu verbrämen. Selten wird dabei nachgehakt, ob das, was da verkündet wird, wirklich aus dem Geist Gottes kommt oder eher doch jenem Vogel ein edles Antlitz verleihen soll, der hinter der eigenen Stirn piept. Auch das ist nicht neu, mahnt Paulus doch selbst die Unterscheidung der Geister an. Als Kriterium nennt er die Früchte des Geistes:
„Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22f)
Das sind Eigenschaften, die dem Aufbau der Gemeinschaft nützen. Nicht ohne Grund wendet er sich deshalb gegen jene, die viele, aber unverständliche Worte machen - die sogenannten Zungenredner. Stattdessen mahnt er:
„Vor der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln.“ (1 Kor 14,19)
Da ist sie wieder, die Frage nach dem Wert der Worte. Nicht die Zahl der Worte zeigt Reichtum an Weisheit, sondern die Taten selbst. Im Idealfall gehen sie den Worten voraus. Sonst läuft man Gefahr, dass den vielen Worten keine Taten folgen. Voller Mund verspricht gern viel. Was aber soll man von jenen Herrschern halten, die zwar behaupten, Macht zu haben, vor denen, die sie regieren sollten, aber längst nackt da stehen, weil sie die Hosen schon heruntergelassen haben. „Herr, schmeiß Hirn herunter!“, mag mancher da im Stoßgebet zum Himmel schreien. Ein wenig Geist der Weisheit und Einsicht, des Rates und der Stärke, der Erkenntnis und der Frömmigkeit - und ja: auch der Gottesfurcht würde schon reichen. Es ist Pfingsten: Komm, heilger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft. Es ist Zeit für eine echte Geiststunde.
Dr. Werner Kleine
Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 22. Mai 2026.
In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":