Er ist wieder da! Dem Hörensagen nach soll er von den Toten auferstanden sein. Einige waren ihm sogar begegnet. Sie berichteten von merkwürdigen Erfahrungen. Er war so anders. Irgendwie nicht mehr von dieser Welt. Aber es gab Zeichen, die keinen Zweifel an seiner Identität ließen: Die Stimme, die Art, wie er den Namen aussprach, die Weise, wie er das Brot brach, die Wundmale - alles wie zu seinen Lebzeiten. Die Jünger waren verstört, aber auch erlöst und befreit. Nur einer konnte das, was er hörte, nicht glauben. Thomas, einer der Zwölf, war ihm noch nicht begegnet. Der Tod Jehoshuas am Kreuz - das war das letzte Mal, dass er ihn gesehen hatte, bevor er floh wie die anderen. Sie wollten zurück nach Galiläa. Sie hatten sich getrennt. Es war jetzt besser, nicht gemeinsam gesehen zu werden. Und nun, gut eine Woche später, hatte er sie wieder gefunden. Er hatte die Gerüchte gehört und war auf halbem Weg umgekehrt und zurück nach Judäa gegangen. Er hörte von den Frauen aus ihrem Kreis, die das Grab leer vorgefunden hatten. Was aber sagt schon ein leeres Grab? Wahrscheinlich hatten ihre Feinde den Leichnam Jesu fortbringen lassen, um keine Wallfahrtsstätte für die Jünger entstehen zu lassen. Auch hörte er davon, dass ihre Gegner das Gerücht streuten, sie hätten den Leichnam gestohlen und behaupteten nun, er sei auferstanden. So ein Stuss. Wo hätten sie denn den Leichnam verstecken sollen? Ein leeres Grab ist halt ein leeres Grab. Sonst nichts.
Dann aber hörte Thomas von den Erscheinungen. Zuerst soll er Mirjam Magdalena erschienen sein - ausgerechnet dieser Frau. Wahrscheinlich eine hysterische Halluzination aus unverarbeiteter Trauer. Aber auch die anderen von den Zwölfen berichteten von Begegnungen mit ihm und wie er ihnen seine Wundmale zeigte. Zwei, Kleophas und seiner Frau Mirjam, hat er wohl nach Emmaus begleitet. Kann man das glauben? Oder sind jetzt alle verrückt geworden? All das soll sich am ersten Tag der Woche nach der Kreuzigung ereignet haben. Geredet wird ja viel. Für ihn aber, Thomas, zählten halt nur Fakten. Und Fakt ist, dass ihr Rabbi Jehoshua am Kreuz gestorben ist und begraben wurde. Ja, ja, er wusste selbst, dass der Satz, Glaube ist nicht Wissen, oberflächlich ist. Es gibt halt immer Voraussetzungen, die man nicht hinterfragen kann, aus denen Wissen entsteht. Tot ist aber eben tot! Da brauchte es schon mehr, um ihn zu überzeugen. Allein ein paar überspannte Erzählungen von einem … was sollte er davon halten. Solange er nicht persönlich das Mal seiner Nägel an seinen Händen sehen würde und seine Finger in das Mal der Nägel und die verwundete Seite legen könnte, würde er dabei bleiben: Tot ist tot - wo auch immer der Körper Jesu abgeblieben sei!
Es war am achten Tag nach den ersten Erscheinungen - wieder ein erster Tag der Woche. Thomas war mit den anderen Jüngerinnen und Jüngern zusammen als ein Hauch der Ewigkeit ihn zu umfangen schien; Raum und Zeit verloren ihre Gültigkeit. Er sah ihn, er erlebte ihn, er erfuhr ihn, er hörte ihn: Wie du willst, Thomas, leg deine Finger in meine Wunden und erfasse mich. Wie aber umfängt man jemanden, der nicht mehr von dieser Welt, sondern Teil der raum-zeit-losen Ewigkeit ist. Thomas konnte ihn nicht begreifen, aber er begegnete ihm … Der Zweifel hatte ihn vorangetrieben und ihm diese Erfahrung bereitet, aus der er nun Wissen schaffen konnte:
„Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)
Seitdem hallt die Antwort Jesu an Thomas durch Raum und Zeit:
„Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29)
Sie lässt den Zweifel nicht nur zu. Sie stellt auch die Frage, nach dem, worauf wir vertrauen können. Im Fall Jesu ist sicher, dass er am Kreuz gestorben ist. Biblische und außerbiblische, ja sogar nichtchristliche Zeugnisse bestätigen das. Er hat also wirklich gelebt. Die Auferstehung selbst entzieht sich dem historischen Zugriff. Was aber wieder greifbar ist, ist das Zeugnis derer, die dem Auferstandenen begegnet sind. Paulus spricht in 1 Kor 15,5-9 von über 513 Zeuginnen und Zeugen. Muss man ihnen glauben? Nein! Aber man kann. Sie zweifeln dennoch? Das ist gut. Es ist der Zweifel, der uns zwingt, genau hinzuschauen und nicht vorschnell Gerüchten zu glauben. Von denen nämlich ist die Welt auch heute noch viel zu voll … Lassen Sie nicht locker und zweifeln sich voran - aber bitte mit Verstand! Was glauben Sie denn?
Dr. Werner Kleine
Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 10. April 2026.
In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":