Gesundheit!

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Gesundheit gehört immer noch zu den wichtigsten Werten. Sie ist alles andere als selbstverständlich. In unserer Gesellschaft können wir uns glücklich schätzen, auf ein bewährtes Gesundheitssystem bauen zu können - noch! Was da von Ärztinnen und Pflegepersonal tagtäglich geleistet wird, wird hingegen auch nicht nur im politischen Diskurs nicht hinreichend gewürdigt. Wer je eine Nacht auf einer Intensiv- oder Überwachungsstation verbracht hat, lernt auch, dass es manchen Patienten an Respekt vor der Leistung der Pflegerinnen und Pfleger fehlt. Wo sind Haltungen wie Respekt, Höflichkeit und Solidarität eigentlich geblieben, die jene verdient haben, die in großer Mehrheit mit unerschütterlicher Geduld und Freundlichkeit ihren Dienst tun. Der, der dies schreibt, hat es jüngst selbst erlebt und zieht den Hut vor jenen, die mehr verdient haben als den wohlfeilen Applaus aus Coronazeiten. Was glauben Sie denn?

Die Frage nach dem, was Gesundheit unserer Gesellschaft wert ist, beschäftigt auch die Schlagzeilen in diesen Zeiten. Dabei erscheint der Wert der Gesundheit vor allem als Kostenfaktor. Jede Gesundheitsreform scheint dabei der Frage zu folgen, wie man die Kosten minimieren kann. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken jedenfalls stellt fest, dass

„nur ein finanziell stabiles System (…) zukunftsfähig [ist] und (…) eine gute Versorgung garantieren [kann]“. (Quelle)

Damit hat sie sicher Recht. Deshalb soll die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) reformiert werden. Aber wie sieht eine sozialverträgliche Finanzreform der GKV aus, die ja vor allem die unteren Einkommensgruppen betrifft, für die eine private Krankenversicherung nicht in Frage kommt?

Nina Warken gehört der CDU an, jener Partei, die sich in früheren Zeiten unter anderem in besonderer Weise auch der katholischen Soziallehre verpflichtet fühlte. Die katholische Soziallehre hat mit den Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität zwei Begriffe geprägt, die mittlerweile aus dem Blick zu geraten scheinen. Gleichwohl stellen beide Prinzipien vor allem für demokratische Gesellschaften wichtige Fundamente für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. Das Subsidiaritätsprinzip stellt die Selbstverantwortung vor das staatliche Handeln. Vater Staat darf nicht als Übermutter agieren, der seine Bürgerinnen und Bürger zu ihrem Glück nötigt. Das aber ist der Fall, wenn die Gesundheitsministerin feststellt, dass die Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern gelebte Frauenpolitik sei und Eigenständigkeit und Vorsorge fördere. Mit Verlaub: Es gibt sicher Gründe, über die beitragsfreie Mitversicherung nachzudenken; diese Begründung aber scheint eher eine subtile staatliche Gängelung zu sein, die gerade nicht dem Subsidiaritätsprinzip entspricht. Sind Bürgerinnen und Bürger wirklich so unmündig, dass man sie zum Glück tragen muss?

Wo bleibt hier auch die Frage nach der Solidarität? In der aktuellen Diskussion um die Finanzreform der GKV scheinen manche Aspekte gar keine Rolle zu spielen. Statt den Fokus nur auf die zu wenden, die ohnehin schon nicht viel haben, könnte man auch die in den Blick nehmen, die mehr zur Solidargemeinschaft der Versicherten beitragen könnten als es bisher der Fall ist.

„Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer mit Segen sät, wird mit Segen ernten“

schreibt Paulus in 2 Kor 9,6. Ihm geht es dort um eine große Geldsammlung, die er in den heidenchristlichen Gemeinden für die judenchristliche Urgemeinde in Jerusalem veranstaltet. Er fügt hinzu:

„Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht verdrossen und nicht unter Zwang.“ (2 Kor 9,7)

Das ist vielleicht der Knackpunkt: In einer Gesellschaft, die verlernt hat, solidarisch zu sein, wird Teilen als Zwang empfunden. Eine Gesellschaft, die aufgehört hat, Solidargemeinschaft zu sein, macht die Reichen reicher und die Armen ärmer. Gesund ist das nicht! Möglicherweise muss man in Berlin die Reform noch einmal mit dem Blick auf eine wirklich solidarische Gesellschaft reformieren. Denn nicht nur Gott liebt einen fröhlichen Geber (vgl. 2 Kor 9,7); für die Demokratie ist das Engagement aller überlebenswichtig!

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 24. April 2026.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

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