Tempolimit

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Ein greiser Mann wartet. Worauf er gewartet hat, wird ihm erst klar, als das Erwartete eintritt. Die Christenheit feierte gestern das Fest „Darstellung des Herrn“, im Volksmund auch als „Maria Lichtmess“ bekannt. Das Lukasevangelium legt nach der Weihnachtserzählung viel Wert darauf, dass das Leben Jesu tief im Judentum verwurzelt ist. In Lukas 2,21 wird von seiner Beschneidung berichtet, woran sich die Erzählung des ersten Besuches des Säuglings Jesu im Tempel anschließt. Bemerkenswert ist, dass der Besuch anlässlich der vorgeschriebenen Reinigungsopfers geschieht, dem sich die Mutter eines Sohnes nach Levitikus 12,2-4 vierzig Tage nach dessen Geburt unterziehen musste. Interessant ist, dass die andere Vorschrift, nämlich die Auslösung des Erstgeborenen, die Pidjon HaBen, unerwähnt bleibt. Nach Exodus 13,2 ist alle Erstgeburt geheiligt und gehört Gott und muss ihm deshalb im Tempel übergeben werden. Dort wird der Erstgeborene üblicherweise nach Num 18,16 durch ein Geldopfer ausgelöst. Lukas berichtet nun von der vorgeschriebenen Reinigung der Maria und der Darstellung Jesu im Tempel, nicht aber von dessen Auslösung. Er bleibt damit erzählerisch im „Besitz“ Gottes.

Damit setzt sich fort, was Lukas schon von der Verkündigung an andeutet: Dieser Jesus ist anders. Das scheint auch der greise Simeon zu ahnen, der gewartet hat und nun eine Verheißung über den Neugeborenen spricht:

„Meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,30-32)

Die Eltern Jesu wundern sich über diese Worte. In der Rückschau derer, die an die Auferstehung des Gekreuzigten glauben können, haben sie sich aber erfüllt: Das Heil kommt von den Juden, wird aber nun auch unter den Heiden, den Goijm, den Nichtjuden verkündet. Gleichzeitig aber scheiden sich an Jesus bis heute die Geister. Auch das hat der wartende Simeon vorhergesehen:

„Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.“ (Lk 2,34)

Warten macht offenkundig weise. Warten braucht Geduld und Gelassenheit. Wer zu warten vermag, kann erkennen, was den Hastenden verborgen bleibt. Das ist bis heute so – freilich hat der moderne Mensch das Warten verlernt. Er möchte sich in seinen Selbstverständlichkeiten nicht stören lassen. Deshalb waren etwa für viele die Corona-Maßnahmen verstörend und man wie zum Beispiel die Corona-Pandemie zeigt. Die Masken fallen in diesen Tagen in mehrfacher Hinsicht. Heute weiß man, dass nicht alle Maßnahmen in der verordneten Weise notwendig gewesen wären – andere hingegen schon. Daraus könnte man lernen, denn am Beginn der Pandemie glich das Suchen nach den richtigen Entscheidungen eben auch einem Stochern im Nebel. In der Rückschau wissen alle es nun natürlich besser. Was glauben Sie denn?

Ähnlich ist es auch bei anderen aktuellen Themen: Klima und Krieg, Einwanderung und Energiepolitik dulden eigentlich keinen Aufschub. Aber gerade deshalb wäre es wichtig, einen Schritt zurückzutreten. Eiliger Aktivismus führt oft nicht ans Ziel, wenn zu Vor-Sicht und Nach-Denken die Zeit fehlt.

Vielleicht wäre ein Rat aus dem Jakobusbrief ein erster Schritt, den Zusammenhalt wieder zu stärken

„Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn; denn der Zorn eines Mannes schafft keine Gerechtigkeit vor Gott.“ (Jak 1,19f)

Ob nun mit oder ohne Gott: Zuerst zu hören und vor dem Antworten das Gehörte wenigstens zu bedenken, könnte ein erster Schritt sein. Auch die Gesellschaft braucht offenkundig ein Tempolimit. Es könnte sonst sein, dass sie sonst nicht ans Ziel kommt …

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht in einer gekürzten Version der Westdeutschen Zeitung vom 3. Februar 2023.

Das verlorene Paradies

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Tohuwabohu – Wüste und Wirrnis sind der Stoff, aus dem Gott eins die Welt erschuf. Mit der Schilderung dieses Urzustandes beginnt die erste Schöpfungserzählung am Anfang der Bibel. Bei näherer Betrachtung erweist sie sich eigentlich als ein Hymnus, der sieben Strophen mit identischem Aufbau aufweist: Gott tut etwas; dann sieht er, dass es gut ist. Dann wird es Abend und dann Morgen, bevor die Schöpfungstage am Ende jeder Strophe durchgezählt werden. Die hymnische Form zeigt, dass es sich hier um keinen dokumentarischen Bericht handelt. Vielmehr deutet die strenge Form an, dass Gott Ordnung schafft, wo es wüst und wirr war. Aus Chaos wird Kosmos. Was glauben Sie denn?

Gott wird am siebten Tag ruhen. Das Werk ist vollbracht – und muss doch gehegt und gepflegt werden. Wohl nicht zuletzt deshalb erschafft Gott am sechsten Tag den Menschen als sein Bild. Und so setzt Gott den Menschen als Statthalter in seine Schöpfung. Der Mensch kann mit der Schöpfung nicht tun und lassen, was er will. Er muss Gott Rechenschaft für sein Schalten und Walten ablegen. Er soll ihm nacheifern und aus ungezügelter Natur lebendige Kultur schaffen, Ordnung in das Chaos bringen und das, was wüst und wirr ist, so hegen und pflegen, dass eine lebenswürdige Welt entsteht. Das ist der Schöpfungsauftrag Gottes.

Wer in diesen Tagen durch die Elberfelder Innenstadt spaziert, kann allerorten sehen, wie schwer der Mensch sich mit dieser Zumutung des Schöpfers tut. Nicht nur der Bahnhofsvorplatz am Döppersberg, auch der Von-der-Heydt-Platz zeigen, wie schwer sich der Mensch tut, der Idee Gottes gerecht zu werden. Wo ehedem Bäume Schatten spendeten, am alten Brunnen Kinder spielten, und Menschen über einen kleinen und liebenswerten Platz flanierten, plauderten und einfach lebten, ist nun einen schattenlose Asphaltwüste. Wo eine kleine Oase in der Innenstadt war, ist es wieder wüst geworden. Nun zieren goldene Bänke das verlorene Paradies. Die passen in die zahnbröckelnde Stadt, in die Else Lasker-Schüler verliebt war, wie Schotter in lebendige Gärten. Sie erinnern doch sehr an das Schicksal des Königs Midas von Phrygien. Dem nämlich wurde alles zu Gold, was er berührte – auch die Speisen, so dass er reich geworden armselig verendet. Auch eine goldene Wüste bleibt eine Wüste!

Tatsächlich muss das Paradies kein Garten sein. Das war es am Beginn der Zeit – so jedenfalls erzählt es der zweite Schöpfungsmythos, der vom Heranreifen des Menschen im Garten Eden erzählt. Den aber muss er, durch die Erlangung der Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, verlassen. Diese Fähigkeit ist kein Sündenfall, sondern ein Ausweis der Fähigkeit, als Statthalter Gottes wirken zu können. Nicht ohne Grund heißt es im Hebräerbrief:

„Jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unerfahren im richtigen Reden; er ist ja ein unmündiges Kind; feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinne durch Gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden.“ (Hebr 5,13f)

Wenn nun aber mündige Bürger dieser Stadt angesichts der changierenden mit goldenen Einsprengseln durchsetzten Grautöne eben nicht sehen, dass es gut ist, dann sollten die städtischen Statthalter in sich gehen. Schotterreiche Gärten des Grauens gibt es schon genug. Eine Stadt des Grauens braucht niemand Es ist nicht schlecht, eine Stadt zu bauen. Im Gegenteil: Das Paradies als Sehnsuchtsort erscheint in der Offenbarung des Johannes am Ende der christlichen Bibel sogar als Stadt. Die ist zwar auch golden und aus Kristall, hat aber ein besonders Merkmal – einen Baum:

„Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, steht ein Baum des Lebens. Zwölfmal trägt er Früchte, jeden Monat gibt er seine Frucht; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker.“ (Offb 22,2)

Der Baum des Lebens stand schon im Garten Eden. Wo Bäume sind, kann der Mensch sein. Pflanzt Bäume!

Dr. Werner Kleine

 

Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 11. November 2022.

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

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