James Talarico ist ein Phänomen in den gespaltenen Vereinigten Staaten von Amerika. Als progressiver Protestant widersteht er dem Sturm des christlichen Nationalismus. Und als junger demokratischer Politiker könnte Talarico bei den Midterm-Wahlen das Ende von Präsident Trump einläuten. Ausgerechnet im konservativ-religiösen Texas.

James-Talarico-Kundgebung bei „The Backyard“ 2025 (Foto: H. Michael Karshis)
Ein Essay von Øle Schmidt, San Cristóbal de Las Casas, Mexiko
Dass Talarico, 37, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, früher Lehrer an einer öffentlichen Schule, dann Mitglied des Repräsentantenhauses von Texas, und nun Kandidat für den US-Senat, mit seinen Reden über soziale Gerechtigkeit und Überwindung der Spaltung ein so großes Publikum erreichen konnte, hat auch mit den Eigenheiten des modernen Medienbetriebs zu tun.
Als der Texaner im Februar in die Late-Night-Show von Stephen Colbert eingeladen wurde, verhinderte der von Trump eingesetzte Chef der Telekommunikationsaufsicht den Auftritt Talaricos mit einem juristischen Taschenspielertrick. Als Retourkutsche sagte der reichweitenstarke Colbert anschließend live auf seinem Sender CBS: »Ich darf zwar keine Internetadresse und keinen QR-Code mitteilen, aber wenn Sie auf unsere YouTube-Seite gehen, werden Sie das Interview mit James Talarico schon finden.« Auf die Frage Colberts in jenem Interview, warum Talaricos Late-Night-Einladung so viel Wirbel verursacht habe, antwortet dieser: »Ich glaube, Donald Trump hat Angst, dass wir Texas gewinnen werden.« Gemeint war seine Kandidatur in Texas für einen Senatssitz in Washington.
Der Versuch des Trump-Lagers, Talarico die große Bühne zu entziehen, scheiterte, ja, hatte einen paradoxen Effekt. Das Interview wurde auf YouTube mehr als zehn Millionen Mal aufgerufen und spülte innerhalb von 24 Stunden zweieinhalb Millionen Dollar an Spenden in die Wahlkampfkampagne Talaricos. Ein Hoffnungsträger war geboren.
Dass die Republikaner gute Gründe hatten, den Auftritt Talericos in der landesweit ausgestrahlten Late-Night-Show zu verhindern, zeigen aktuelle Zahlen. Der progressive Protestant und linke Demokrat Talarico liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem republikanischen Konkurrenten Ken Paxton. Die meisten Umfragen sehen Talarico leicht vorn. Wie bemerkenswert das ist, zeigt ein Blick zurück. Der letzte Demokrat, der den US-Senatssitz von Texas gewinnen konnte, für den James Talarico jetzt kandidiert, war Lloyd Bentsen. Vor 38 Jahren.
Talarico könnte den Unterschied machen
Talarico könnte im konservativen Texas das Zünglein an der Waage sein. Wenn er es tatsächlich schaffen sollte, einen der vier Sitze für die Demokraten auf ihrem Weg zur Mehrheit im US-Senat zu gewinnen. Denn wenn das republikanische Stammland Texas fällt, scheint noch mehr möglich für die Demokraten bei diesen Zwischenwahlen.

James Talarico bei einer Pressekonferenz 2025 (Foto: Antonioaesparza)
Wer ist dieser James Talarico, den hierzulande kaum jemand kennt, und vor dem Donald Trump eine Heidenangst haben muss, angesichts dessen Verleumdungskampagnen gegen den demokratischen Kandidaten? Vielleicht lässt sich dies am treffendsten mit Talaricos christlich begründeter Kritik an den herrschenden Zuständen in den USA beantworten. »Was würde Jesus zu einem Steuersystem sagen, das Reiche gegenüber Armen begünstigt?«, fragt er an diesem Morgen in einer protestantischen Kirche in seiner texanischen Heimat. Talarico trägt ein eng anliegendes Sakko, schwarze Krawatte und weißes Hemd, ist glatt rasiert und makellos gescheitelt.
»Was würde Jesus zu einem Gesundheitssystem sagen, das Kranke dazu zwingt, GoFundMe-Seiten zu starten, um lebensrettende Operationen bezahlen zu können? Was würde Jesus zu einem Bildungssystem sagen, das die Finanzierung einer Schule eines Kindes an das Immobilienvermögen seiner Gemeinde koppelt?«
Mit Blick aus der Ferne scheint Talaricos jungenhafte, fast schon unschuldige Erscheinung in Widerspruch zu dessen präziser und elegant formulierter Kritik an Missständen in den USA zu stehen. Und doch, vielleicht sogar gerade deshalb, verleiht genau diese Erscheinung und sein Auftreten Talaricos Botschaft, die nichts weniger als Systemkritik ist, eine gewisse moralische Legitimation. Zu sehen ist ein ernsthafter junger Mann, der seine Worte nicht missbraucht, um Andersdenkende persönlich zu attackieren, oder um seine eigene Kandidatur aufzuwerten.
»Was würde Jesus zu einem Justizsystem sagen«, fährt Talarico auf der Kanzel fort, »das mehr Menschen einsperrt, als jedes andere Land auf der Welt? Und was würde Jesus zu einem Wirtschaftssystem sagen, das Profite über die Gesundheit unseres Planeten stellt? Würde er in seinem Zimmer bleiben und beten? Oder würde er zum Sitz der Macht gehen und die Tische der Ungerechtigkeit umwerfen?«
Bei dieser Frage nach der Notwendigkeit zivilen Ungehorsams in Ausnahmezuständen brandet Applaus unter den Gläubigen in der Kirche auf. Talarico spielt mit der Szene aus der Bibel, als Jesus bei der sogenannten Tempelreinigung in Jerusalem die Tische der Geldwechsler und die Bänke der Opfertierhändler umgeworfen und deren Geld verschüttet hatte. Eine Tat gegen die Kommerzialisierung des Glaubens und die Ausbeutung von mittellosen Gläubigen. Eine radikale Provokation der religiösen Elite. »Wir Christen sind berufen«, so bilanziert Talarico, »mehr als wohltätig zu sein, wir sind berufen, die Systeme herauszufordern, die Wohltätigkeit erst notwendig machen.«
Politik ist Nächstenliebe
Politik ist Nächstenliebe, das ist die theologische Grundformel von James Talarico. »Das Christentum ist sowohl spirituell als auch politisch«, sagte er im Interview mit der Zeitung Texas Tribune, »denn Politik ist nur ein anderes Wort dafür, wie wir unsere Mitmenschen behandeln.« Und wenn Nächstenliebe weniger eine private Tugend sei, sondern ein Maßstab politischen Handelns, werde eine gerechte Sozialpolitik, die vor allem den Schwachen dient, zu christlicher Verantwortung. Und so hat Talarico soziale Gerechtigkeit zum Herzstück seiner Kampagne für die Midterms gemacht, sein Motto: »Es ist Zeit, die Tische umzuwerfen.«
»Wirtschaftliche Gerechtigkeit wird in der Bibel dreitausendmal erwähnt«, sagte er in der Ezra Klein Show der New York Times. Talarico verschiebt den Fokus christlicher Politik von Kulturkämpfen des medial dominanten christlichen Nationalismus auf Armut, Besitz und soziale Verantwortung. Er deutet die politische Zerrissenheit in den USA als Klassen- und Machtfrage und nicht primär als Kulturkampf zwischen Parteien.
Hinter der Spaltung des Landes sieht Talarico vor allem wirtschaftliche Interessen. »Die größte Spaltung in unserem Land ist nicht links gegen rechts, sondern oben gegen unten«, sagte er auf einer Wahlkampfkundgebung. »Milliardäre wollen, dass wir nach links und rechts aufeinander schauen, damit wir nicht nach oben zu ihnen schauen.« Fatal sei es, wenn die Superreichen immer mehr politische Macht anhäuften. »Also reißen ihre Social-Media-Algorithmen und ihre privaten Fernsehsender uns auseinander. Sie spalten uns nach Partei, nach Hautfarbe, nach Geschlecht, nach Religion, damit wir nicht bemerken, dass sie unsere Schulen unterfinanzieren, unser Gesundheitssystem kaputt sparen und Steuern für sich selbst und ihre reichen Freunde senken. Das ist die älteste Strategie der Welt: Teile und herrsche.«
Einen Ausweg biete der Glaube. »Christ zu sein bedeutet, Ärger zu bekommen. Es bedeutet, anzuecken und gegen den Strom zu schwimmen.« Gleichzeitig sieht Talarico, dass die große gesellschaftliche Spaltung in den USA längst auch die christlichen Kirchen erreicht hat. Von den bis zu 230 Millionen Gläubigen unterstützen mittlerweile bis zu einem Drittel von ihnen Ideen des christlichen Nationalismus.
Kritik am christlichen Nationalismus
Der christliche Nationalismus in den USA ist eine kulturpolitische Ideologie, die die Identität des Landes untrennbar mit einem konservativen Christentum verknüpft. Seine Anhänger vertreten die Überzeugung, dass die USA als christliche Nation gegründet wurden und so folglich auch ihre Gesetze, Institutionen und Kultur auf diesem Fundament basieren müssen. Charakteristisch ist das Bestreben, eine Vormachtstellung des christlichen Glaubens im öffentlichen Leben und in staatlichen Einrichtungen – wie Schulen und Universitäten – rechtlich zu verankern. Dabei verschmelzen religiöse Symbole und Überzeugungen oft mit einem ausgeprägten amerikanischen Patriotismus und sehr konservativen politischen Zielen.
»Nichts am christlichen Nationalismus ist christlich«, predigte Talarico während seiner Kampagne in einer texanischen Kirche. Die christliche Lehre sei vielmehr unvereinbar mit Nationalismus und dem Streben nach religiöser Vorherrschaft. Talarico kritisiert eine politische Instrumentalisierung Jesu durch die religiöse Rechte mit für ihn ungewöhnlich scharfen Worten. »Sie haben den Sohn Gottes vereinnahmt«, sagte er in dem Gottesdienst. »Sie haben diesen bescheidenen Rabbi in einen waffentragenden, schwulenfeindlichen, wissenschaftsfeindlichen, geldliebenden und angstmachenden Faschisten verwandelt.« Warum es aber Antipoden seien und keinesfalls Geschwister, führte er in der Ezra Klein Show der New York Times aus. »Jesus befreit, christlicher Nationalismus kontrolliert. Jesus rettet, christlicher Nationalismus tötet.«
Talarico will die innerchristlichen Gräben zuschütten und nicht weiter spalten. »Man kann konservativer oder progressiver Christ sein, und beide können derselben Kirche angehören«, sagte er öffentlich. Talarico behauptet nicht, die politische Rechte sei grundsätzlich unchristlich. Er erkennt die legitime innerchristliche Auseinandersetzung an, zieht aber dort eine Grenze, wo eine Seite der anderen das Recht abspricht, Teil der Glaubensgemeinschaft zu sein. Talarico will nicht das religiöse Monopol der Rechten durch ein linkes ersetzen. Er will das Christentum als Raum politischer und theologischer Auseinandersetzung zurückgewinnen.
Die einzige Minderheit, die Amerika zerstört, sind die Milliardäre
Talarico hat während seiner Kampagne tausende Meilen zurückgelegt, Kundgebungen und Gottesdienste besucht, Townhall-Meetings absolviert. So wie an diesem Abend in Austin, einer der wenigen Hochburgen der Demokraten im traditionell sehr konservativen Texas. In der Universitätsstadt fällt die politische Dreifaltigkeit Talaricos – soziale Gerechtigkeit, Einigkeit und Machtkritik – auf fruchtbaren Boden.
»Die einzige Minderheit, die Amerika zerstört«, sagt Talarico mit dem ihm eigenen freundlichen Gesichtsausdruck und dieses Mal im dunkelblauen Sakko, »sind die Milliardäre.« Die Menschen in der mit Stars and Stripes beflaggten Mehrzweckhalle nicken. »Transsexuelle sind ein Prozent der Bevölkerung, Moslems sind ein Prozent der Bevölkerung, Menschen ohne Papiere sind ein Prozent der Bevölkerung. Wir fokussieren uns auf das falsche ein Prozent.« Der Beifall ist groß.
Talarico bewegt sich souverän auf der nur minimal erhöhten Bühne, die sich durch sein Publikum zieht, in der einen Hand das Mikrofon, mit der anderen dirigiert er den Applaus. Dann blitzen unter der Anzughose seine Cowboystiefel auf. Braun, moderat spitz, texanisch.
Talarico ist ein Prediger, der die politische Bühne sucht, er ist kein Politiker mit religiöser Überzeugung. Und das dürfte ein Grund für seinen rasanten Aufstieg in die Riege von Hoffnungsträgern und in die landesweiten Abendnachrichten sein.
Auch in den USA nimmt die langfristige Bindung von Menschen an eine bestimmte Partei rasant ab, Kritiker sprechen naserümpfend von »Publikumsdemokratie«, in der Bürger zuschauende Konsumenten sind, und keine aktiven Gestalter. Politik sei vor allem Medienspektakel, unter der Herrschaft von Demoskopen, es gehe verstärkt um Personalisierung statt um Programme. Dass angesichts zunehmend diskreditierter Parteien die Stunde der Kandidaten schlägt, spielt Talarico in die Karten.
Denn nicht nur von Anhängern der Demokraten wird Talarico als nahbar und glaubwürdig erlebt, als jemand, der Überzeugungen ins politische Geschäft mitbringt. Und vielleicht noch wichtiger: dass er als Politiker gesehen wird, der nicht einknickt, wenn seine Überzeugungen in der Kritik stehen. Überzeugungen und Rückgrat. Hoffentlich eine Entscheidungshilfe für Wähler vor den nicht nur für James Talarico so bedeutenden Midterm-Wahlen.
Øle Schmidt lebt als freier Journalist und Autor in Deutschland und Lateinamerika. Aus El Salvador hat er für WDR und SWR berichtet, für Misereor und Amnesty International.