Das Wort zur Woche (25. September 2016 - 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C)

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Ewigzeit

Liebe Leserinnen und Leser,

Zeit ist ein Phänomen des Lebens. Tote haben keine Zeit mehr. Sie brauchen keine Zeit mehr. Lebende hingegen unterliegen dem Paradox der Zeit, jenem Phänomen, das aus der unendlichen Fülle der Möglichkeiten doch nur je eine realisiert werden kann. Es ist der Schein, den Eltern manchmal ihren Schützlingen motivierend mit auf dem Weg geben, dass einem alle Möglichkeiten offen stünden, wenn man sich denn nur genügen anstrengen würde. Tatsächlich aber kann immer nur eine Möglichkeit Wirklichkeit werden. Die Entscheidung für diese Möglichkeit ist so irreversibel wie das Leben selbst. Sie ist getroffen und determiniert von nun an alle anderen Lebensentscheidungen und –varianten. Selbst wenn sich die zuerst ergriffene Variante als falsch herausstellt und selbst wenn ein Mensch den Mut besitzt, diese Sackgasse seines Lebens durch Umkehr zu verlassen – die ursprünglich getroffene Entscheidung ist geschehen und zum Fakt geworden. Und so begrenzt der Mensch in jeder Sekunde seines Lebens die unendliche Fülle der Möglichkeiten auf immer nur eine tatsächlich vollzogene, der er in seinem Leben im Gelingen wie im Nichtgelingen, im Guten wie im Schlechten Gestalt gibt.

Wahrlich: Die Zeit birgt in sich das Geheimnis des Lebens. Zeit ist Werden und Vergehen, Erstehen und Untergehen. Erst im Tod kommt die Zeit zu sich selbst, wird erfüllt in die Zeitlosigkeit hinein, in jene letzte Unumkehrbarkeit des Lebens, wenn alle Entscheidungen getroffen sind. Es ist jene Zeitlosigkeit, die die Zeit umfängt, in sich aufnimmt, erfüllt. Alles Seiende kommt letztlich aus der Zeitlosigkeit, nimmt Zeitgestalt an, wird, vergeht und übergibt sich wieder der Zeitlosigkeit. Niemand hat den Anfang gesehen, keiner wird das Ende schauen. Die Zeit ist ein vergängliches Phänomen.

Für den Menschen erscheint die Zeit selbst als Kontinuum. Sein Bewusstsein ist zeitbesessen. Er wird hineingeboren in eine zeitliche Realität, die vor ihm beginnt; und er schafft durch seine zeitliche Existenz Realitäten, die die ungefragten Voraussetzungen für später Geborene schaffen. Die Freiheit der zeitlichen Existenz wird auf diese Weise merkwürdig paradox determiniert. Des Menschen Freiheit ist nicht absolut, sondern zeitgebunden. Es sind die vorgefundenen Realitäten anderer und die selbsterschaffenen Realitäten, die – in steter Wechselwirkung miteinander verbunden – den Rahmen des Lebens schaffen, innerhalb derer sich der einzelne Mensch interaktiv verwirklicht.

Die Zeit erscheint damit als paradoxes Phänomen. Die ihr eigene und durch das Phänomen von Werden und Vergehen bestimmt Dynamik macht die Freiheit erst möglich. Gleichzeitig determiniert jede freiheitliche Entscheidung alle anderen aufgrund der Irreversibilität der Zeit, die sich ebenfalls in dem Phänomen von Werden und Vergehen Ausdruck verschafft. Gleichzeitig entspringt die Zeit offenkundig nicht aus sich selbst, sondern fließt aus Zeitlosigkeit heraus auf die Zeitlosigkeit zu. Mehr noch: Die Zeitlosigkeit durchdringt die Zeit selbst.

Die nach dem Physiker Max Planck benannte Planck-Zeit ist ein physikalisches Phänomen. Sie beschreibt das kleinstmögliche Zeitintervall, innerhalb dessen die bekannten Naturgesetze der Physik gültig sind. Bei kleineren Intervallen verliert die Zeit die allgemein vertrauten Eigenschaften als Kontinuum. Konkret bedeutet das sogar, dass die Zeit eigentlich gar kein Kontinuum ist. Sie läuft gemäß der universell bedeutsamen Konstanten in 10-47 Sekunden kleinen Einheiten ab. Das ist zu klein, als dass die menschliche Wahrnehmung sie differenzieren könnte. Sie sind trotzdem existent. Alles, was in seiner zeitlichen Ausdehnung kleiner als die Planck-Zeit ist, wird faktisch zu einer Singularität – einer Realität ohne raum-zeitliche Ausdehnung. Die Aufhebung der raum-zeitlichen Ausdehnung aber entspricht der Aufhebung von Werden und Vergehen. Sie ist pure Gegenwart in höchster Potenz, reines Präsenz in intensiver Dynamik – kurz: Sie ist Ewigkeit. Das naturgesetzliche Phänomen der Planck-Zeit zeigt bei aller gebotenen semiologischen Vorsicht in theologischer Diktion: Die Zeit ist von der Ewigkeit durchdrungen, die Zeit entspringt aus der Ewigkeit und führt in die Ewigkeit hinein.

Diese Erkenntnis mag den naturwissenschaftlich fixierten Zeitgenossen verwundern, dem Glauben ist sie nicht fremd. Die Erkenntnis hat gleichwohl eine – zumindest für die Glaubenden – notwendige Konsequenz. Wenn die Zeit aus der Ewigkeit kommt und in die Ewigkeit hineinführt, mehr noch: wenn die Ewigkeit die Zeit dergestalt durchdringt, dann ist alles, was Menschen in ihrer Zeit des Lebens tun und lassen immer schon in die Ewigkeit hineingehoben und bedeutsam, gleichermaßen aber auch irreversibel, in sich nicht auszulöschen, bestenfalls durch Umkehr wiedergutzumachen. Genau dieser Impuls schwingt in den Texten vom 26. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres C mit. In der ersten Lesung mahnt der Prophet Amos vor Sorglosigkeit und Selbstsicherheit, die gerade diejenigen betrifft, denen das Leben auf welche Weise auch immer einen scheinbaren Wohlstand beschert hat. Sie scheren sich nicht um das Schicksal anderer. Sie sind nur am eigenen Wohlergehen interessiert und lassen es sich gut gehen. Trunken grölend vertreiben sie sich die ihnen zugemessene Zeit, nicht wahrhaben wollend, dass in der Zeit letztlich alles, was geworden ist, auch wieder vergeht. Sie müssen hier und jetzt lernen:

Darum müssen sie jetzt in die Verbannung, allen Verbannten voran. Das Fest der Faulenzer ist nun vorbei. (Amos 6,7)

Die Zeit erscheint hier als Lehrmeisterin. Das „darum“ am Anfang signalisiert, dass die Zeit letztlich gerecht ist. Die Zeit zieht das Leben selbst zur Verantwortung. Die Zeit selbst wird zum Gericht.

Dieser Aspekt wird im Evangelium vom 26. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres C deutlich. Es erzählt die berühmte Geschichte vom armen Lazarus und dem reichen Prasser. Letzterer lässt es sich in seinem zeitlichen Leben nicht nur gut gehen, er übersieht auch wissentlich die Not des armen Mannes vor seiner Tür. Er wird den von Geschwüren übersäten Lazarus wohl kaum übersehen haben können, wenn er sein Haus verließ. Er hat ihm einfach keine Beachtung geschenkt, hat ihn liegen und seinem Schicksal überlassen. Und genau das wird ihm zum Gericht, denn die Zeit selbst schafft Gerechtigkeit – wenn es sein muss, über die Zeit hinaus in die Ewigkeit hinein. Die Natur selbst kann Ungleichgewichte nicht dulden. Auch die Zeit ist offenkundig entropisch, auf Ausgleich bedacht. Damit die Entropie gelingt, die Zeit letztlich aber in sich endlich und irreversibel ist, muss der Ausgleich über die Zeit hinaus in die Zeitlosigkeit der Ewigkeit hineinreichen. Um der Gerechtigkeit willen kann sich die Zeit nicht selbst genügen.

So schafft auch bei dem armen Lazarus und dem reichen Prasser die zeitlose Ewigkeit, die kein Werden und Vergehen mehr kennt, die Gerechtigkeit, die in der Zeit nicht realisiert werden konnte:

Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. (Lukas 16,22f)

Es ist ein merkwürdiger Rollentausch, der da vollzogen wurde. Der, der in der Zeit alles hatte, hat in der Zeitlosigkeit nicht nur nichts mehr; er leidet jetzt die Schmerzen, die er anderen durch ein wenig Milde hätte nehmen können, aber nicht genommen hat, weil er sie nicht geben wollte. Der andere hingegen, dessen Leben nur aus Schmerzen bestand, hat in der zeitlosen Ewigkeit nun die Fülle empfangen – in Abrahams Schoß widerfährt ihm endlich die Gerechtigkeit, die ihm im Leben verwehrt geblieben ist.

Die zeitlose Ewigkeit kennt kein Werden und Vergehen mehr. Auch Umkehr ist ein Phänomen der Zeit. In der Zeitlosigkeit ist Umkehr nicht mehr möglich. Tote haben nicht mehr nur keine Zeit mehr; ihre zeitlichen Entscheidungen sind nun irreversibel faktisch geworden. Das muss auch der reiche Mann lernen:

Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. (Lukas 16,24-26)

Das Leben ist gelebt, die Würfel sind gefallen, des Lebens Zeit ist vorbei, nichts ändert sich mehr, nichts kann geändert werden, die Zeit ist abgelaufen, die Früchte der Freiheit werden gewogen. Vielleicht aber gelingt eine letzte Tat der Mildtätigkeit, die Warnung an die Freunde, die sich immer noch in ihrer Eitelkeit sonnen:

Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. (Lukas 16,27f)

Es ist ein merkwürdiges Ansinnen, dass auch in der Zeitlosigkeit das vollkommene Unverständnis des reichen Mannes offenbart. Die Zeitlosigkeit umfängt und durchdringt zwar die Zeit. Aus der Zeit heraus aber gibt es keinen Zugriff auf die Zeitlosigkeit, in der die zeitlichen Gesetze eben nicht mehr gelten. Wer verständig ist, kann die Gesetze der Zeitlosigkeit in der Zeit erahnen; er kann an den Gesetzen der Zeit erkennen, dass es um der Gerechtigkeit willen einen Ausgleich über die Zeit hinaus geben muss. Wer aber nur das, was er sieht, für wahr hält, verfällt dem Trug der eigenen Sinne. Und so mahnt auch Abraham in der jesuanischen Erzählung:

Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er [der reichen Mann] erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. (Lukas 16,29-31)

Das Evangelium vom 26. Sonntag im Jahreskreis lehrt, dass die Zeit selbst zum Gericht wird. Sie entspringt der Ewigkeit, wird von ihr durchdrungen und führt in die Ewigkeit hinein. Die Zeit selbst aber hat keinen Zugriff auf die Ewigkeit. Die zeitlichen Sinne sind nicht in der Lage, die Stimmen der Ewigkeit zu erfassen. Alles, was in ihr geschieht, wirkt sich aber in die Ewigkeit hineinaus. Menschen können sie erahnen, wenn sie bereits sind, die richtigen Schlussfolgerungen aus der natürlichen Erkenntnis zu ziehen. Nicht ohne Grund schreibt Paulus deshalb im Brief an die Römer:

Nicht die sind vor Gott gerecht, die das Gesetz hören, sondern er wird die für gerecht erklären, die das Gesetz tun. Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich - an jenem Tag, an dem Gott, wie ich es in meinem Evangelium verkündige, das, was im Menschen verborgen ist, durch Jesus Christus richten wird. (Römer 2,13-16)

Dafür aber braucht es die Bereitschaft, nicht nur den Sinnen zu trauen, sondern auch das zu deuten, was die Sinne erahnen lassen. Diese Bereitschaft aber fehlt vielen auch in diesen Zeiten. Der eigene Besitz muss schließlich verteidigt werden. Man hat ihn sich verdient. Da zählt nicht, dass man es sich nicht selbst ausgesucht hat, in welches Land hinein man geboren wurde. Vielen saturierten Zeitgenossen scheinen es als ein natürliches Anrecht zu sehen, dass alles so ist, wie es ist. Es ist ihr Land, ihr Deutschland, das es zu verteidigen gilt gegen die Armen und Heimatvertriebenen, die man gerne draußen vor den Türen hält, mit Zäunen abgeriegelt, so dass man das Elend nicht mehr zu sehen braucht. Die Zeit wird auch hier zu Gericht werden. Und was in der Zeit nicht Gerechtigkeit wird, wird in der zeitlosen Ewigkeit gerecht gemacht werden. Die Mahnung aus dem 1. Timotheusbrief, dessen Beginn in der Lesung vom 26. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres C so merkwürdig in der Luft herumhängt, wird durch den vorangehenden Vers zu einem Fanal für die Gegenwart:

Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet. Du aber, ein Mann Gottes, flieh vor all dem. Strebe unermüdlich nach Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut. (1 Timotheus 6,10f)

Niemand kann die Zeit zurückdrehen. Niemand kann vergangene Entscheidungen ungeschehen machen. Heute aber muss getan werden, was getan werden muss. Die Ewigkeit ist in der Zeit. Das Reich Gottes ist nah!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche,
Ihr Dr. Werner Kleine, PR
Katholische Citykirche Wuppertal

Alle "Wochenworte" finden Sie in unserem Weblog "Kath 2:30":
"Wort zur Woche" auf Kath 2:30

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