Das Wort zur Woche (4. Dezember 2016 - Zweiter Adventssonntag, Lesejahr A)

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

#gutmensch

Liebe Leserinnen und Leser,

das Gute hat in diesen Zeiten seine Schuldigkeit getan. Gutes tut man nicht mehr, man will es höchsten empfangen. Ein Gutmensch zu sein, ist zu einem Schimpfwort derer geworden, die tolldreist allem Glauben schenken, was sie hören wollen. Der tolle Mensch von heute schmäht den Gutmenschen als naiv. Der tolle Mensch hat ja die Wahrheit für sich gepachtet. Er ist die Mitte seiner Welt, jene Mitte, von der er Oben und Unten definiert, Rückwärts und Vorwärts und Seitwärts. Der tolle Mensch der Gegenwart betreibt ständig jene Selbstapotheose, die ihn über die Dinge erhebt. Er erschafft sich Reiche eigenen Wissens. Einem Gott gleich definiert er sein selbstkonstruiertes Wissen als alleine verbindlich. Die Huldigungen, die ihm die gefilterten Rückmeldungen der sogenannten „sozialen Netzwerke“ offerieren, bestätigen ihn, der in einer Blase sitzend in der eigenen heißen Luft räkelt. Im heißen Stream werberelevant gefilterter Meinungen nimmt er nicht mehr wahr, dass die Welt außerhalb der sogenannten „sozialen Netzwerke“ kälter wird. Dunkel wird es im Land des Abends, dunkel im Land der ehemaligen Dichter und Denker.

Es ist die Angst vor der inneren und äußeren Leere, die den tollen Menschen in die Filterblase treibt. Dort ist er zu Hause. Dort findet er die, die seines Sinnes gleichgeschaltet sind. Die Komplexität des leeren Raumes erträgt er nicht. Der tolle Mensch braucht die Vereinfachung. Er organisiert seine unterkomplexe Welt überschaubar, indem er polarisiert. Wo nur zwei Pole sind, braucht es keine bunte Welt mehr. Auf dem einen Pol sitzt er ja selbst, der tolle Mensch. Und wer auf dem anderen Pol sitzt, ist automatisch gegen ihn. Er ahnt wohl, dass es gut ist, dass da auf dem anderen Pol noch welche sind, die das Gleichgewicht halten. Die Gutmenschen stabilisieren ihn. Weil er in ihnen sein Spiegelbild sieht, erschrickt er aber ständig. Denn was er sieht, gefällt ihm nicht, dem tollen Menschen. Er erkennt in ihnen sein eigenes Nichtverstehen. Er nimmt seine Lüge wahr, will sie aber nicht wahrhaben. Der tolle Mensch mag niemanden, der möglicherweise Recht haben könnte. Denn dann kommt der Zweifel. Und Zweifel mag der tolle Mensch nicht. Er ist der Gott seiner selbsterschaffenen Welt. Was kümmert ihn die Realität. Er ist Gott!

Als sein eigener Gott vermag er selbst seine Lüge zur Wahrheit zu erklären. Deshalb hasst er Spiegel. Und deshalb hasst er die Gutmenschen, die, statt über die Dunkelheit zu jammern, Laternen anzünden. Das Licht aber enthüllt seine Lüge. Der tolle Mensch hasst den Gutmenschen dafür. Er ist es, der „Gutmensch“ zu einem Schmähwort gemacht hat. Der tolle Mensch hasst jede Relativierung seiner Selbst. Er tötet Gott, er schmäht den Gutmenschen, er kennt kein Ebenbild des Göttlichen mehr. Er hasst ja sein eigenes Ebenbild im Spiegel.

Von seiner eigenen Größe trunken sitzt der tolle Mensch in seiner eigenen heiß-gelüfteten Weltblase und ist Schöpfer, Richter und Henker in einem. Über ihm ist kein gestirnter Himmel mehr. Über ihm ist nichts. Wo er ist, ist oben. Und über ihm nur Leere – diese Leere, von der er selbst immer wieder so ergriffen ist. O, wie bist du toll, du Gott der Leere.

Der tolle Mensch nimmt selbst die Kirche in Besitz. Er ist ja Gott. Er allein kennt die Wahrheit. Papsttreu braucht er nur zu sein, wenn die Päpste sagen, was er ohnehin schon weiß. Und wenn die Päpste anders sind, dann ruft er laut und öffentlich:

„Was sind denn diese Kirche noch, wenn sie nicht Gräber und Grabmäler Gottes sind?“

Und er ruft den Untergang des Abendlandes aus, den Verfall der Sitten, die Endzeit. Denn Endzeit ist ab jetzt irgendwie immer und jeder Tag wird zum jüngsten Tag, an dem der tolle Mensch zu Gericht sitzt über Gott und die Welt und die Gutmenschen und alles und jeden verurteilt und öffentlich durch die Straßen und Datenhighways führt, die seine Wahrheit nicht teilen, die er schon von Anbeginn der Zeiten wusste. Denn die heiße Luft seines Geistes trennt die Spreu vom Weizen und versengt die Spreu im nie verlöschenden Feuer des von ihm ständig befeuerten Shitstorms.

Der tolle Mensch ist Atheist und Christ, Kommunist und Populist. Nur eines kann der tolle Mensch nie sein – ein Demokrat. Denn Demokratie lebt vom eigenen Zweifel, von dem Wissen um die Wahrheit der anderen, von der Erkenntnis des eigenen Irrtums. Die Demokratie lebt von dem Gedanken, den Paulus im Römerbrief kurz vor den Worten, mit denen die zweite Lesung vom zweiten Adventssonntag im Lesejahr A beginnt, so beschreibt:

Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben. Jeder von uns soll Rücksicht auf den Nächsten nehmen, um Gutes zu tun und (die Gemeinde) aufzubauen. Denn auch Christus hat nicht für sich selbst gelebt; in der Schrift heißt es vielmehr: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, haben mich getroffen. Römer 15,1-3

Das Ertragen der Schwäche der anderen – oder zumindest das, was man für die Schwäche derer hält, die anderer Meinung sind – gehört zum Wesen der Demokratie. Respekt und Rücksichtnahme sind die Basis, auf der das soziale Netzwerk der wahren Welt Stabilität gewinnt. Im Tun des Guten wird die Gesellschaft auferbaut. Die Demokratie muss die Tolldreistigkeit manchmal ertragen. Tollheit aber ist kein guter Nährboden für den Geist des Guten aus dem sich eine solidarische Gesellschaft nährt. Tolle Menschen scheitern hier. Deshalb hassen sie die Demokratie. Sie sehnen sich nach einem Führer, der so ist wie sie. Sie sind die Führer.

Der tolle Mensch hasst und schmäht die Verfechter des Guten. Sie schähen die Gutmenschen. Sie schmähen die, die nicht zuerst an sich denken. Sie schmähen die, die wissen, dass die Welt kein Schloss aus heißer Luft ist. Er liebt das Schwarz und das Weiß und weil er alles schon weiß, ärgert er sich schwarz, wenn die Dinge anders laufen, als er es doch befohlen hat. Er ist es doch, der die Wahrheit setzt. Und so belehrt er Päpste wie Regierende, mag sein Weltverständnis auch überschaubar und bemerkenswert beschränkt sein.

Der Gutmensch aber ist wie ein Schwamm. Er sucht die Horizonte der Weisheit. Er lernt eigentlich nie aus, denn er weiß, dass er nie genug wissen kann. Er versteht, was in der zweiten Lesung vom zweiten Adventssonntag im Lesejahr B verkündet wird:

Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben. Römerbrief 15,4

Geduld ist eine Tugend des Gutmenschen. Um Geduld muss er freilich immer wieder ringen angesichts der Schmähungen, die die tollen Menschen ausstoßen. Der tolle Mensch möchte angesichts des guten Menschen böse sein. Aber dazu fehlt es ihm an wahrer Macht. Er ist fähig Böses zu schaffen, so wie Kinder in ihrem infantilen Wahn und Neid im Sandkasten mit ihren kleinen Fäustchen die Burg der anderen zerstören. Die Zerstörung ist wirksam. Kinder sind es trotzdem. Toll habe ich das gemacht, sagen sie dann. Toll bin ich, der Schöpfer ganzer Welten. Wozu brauche ich einen Gott, wenn ich ihm näher sein kann als mir selbst, fragen sie sich beständig und erklären den eigenen Willen zum Willen Gottes. Ja, die tollen Menschen wissen, was Gott will, weil sie sich selbst mit Gott verwechseln. Gott selbst aber hat Geduld mit ihnen, denn auch sie sind seine Kinder.

Vielleicht schüttelt Gott auch nur sanft den Kopf über so viel infantile Ängstlichkeit vor dem anderen. Gott aber hat Geduld. Die, die um die Geduld Gottes wissen, mahnt Paulus deshalb:

Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit, die Christus Jesus entspricht, damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde preist. Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes. Römerbrief 15,5-7

Selbst die kritischsten Gegner der Gutmenschen werden wohl kaum bezweifeln, dass Jesus Christus ein Gutmensch war. Deshalb tun sich selbst diejenigen mit den Worten Christi, seiner Forderung der Nächsten- und Feindesliebe so schwer, die für sich in Anspruch nehmen, aufrechte und tolle Kämpfer der Kirche zu sein. Aber Christus lässt sich in kein Schema pressen. Christus war nicht toll. Er ist es, von dem Jesaja in der ersten Lesung vom zweiten Adventssonntag im Lesejahr A sagt:

Er richtet nicht nach dem Augenschein und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes. Jesaja 11,3f

Das Gerücht und der angebliche Augenschein sind der Dung der Lüge. Dung ist aber nichts anderes als ein übel riechendes Exkrement. Die heiße Luft der Filterblasen riecht nach diesem Dung. Was auf diesem Dung wächst, trägt die Nährstoffe der Lüge in sich – einer Lüge, der die Hilflosen und Armen zum Opfer fallen. Das Hörensagen und der vermeintliche Augenschein reichen schon zur Verurteilung. Die Gewalt folgt auf dem Fuß, meist noch mit Worten; es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die Saat dieser Worte aufgeht und der digitale Shitstorm wirklich wird. Man konnte es in diesen Tagen wieder sehen, wenn nicht nur die digitalen Checker, sondern selbst vermeintlich aufrechte römisch-katholische Christen über einen Erzbischof lästern, bloß weil er für das Wort #gutmensch wirbt. Dabei lehrt das Beispiel Jesu Christi, dass es ist nicht das Schlechteste, ein Gutmensch zu sein! Sein Beispiel lehrt auch, dass die Schmähung zur Existenz des Gutmenschen gehört. Aber es gibt keine Wahl. Der tolle Mensch aber tritt die Würde mit Füßen und schmäht das Heilige. Die Welt braucht deshalb die Gutmenschen. Die Gesellschaft braucht sie, weil sie sich sonst selbst zerfleischen würde.

Es ist wieder einmal Endzeit. Und die Welt ist toll.

Ich wünsche Ihnen eine hoffnungsvolle Woche,
Ihr Dr. Werner Kleine, PR
Katholische Citykirche Wuppertal

Das Zitat „Was sind denn diese Kirche noch, wenn sie nicht Gräber und Grabmäler Gottes sind?“ stammt von Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, München 1959, S. 167.

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