Das Wort zur Woche (21. August 2016 - 21. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C)

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Der Bumerang der Frömmigkeit

Liebe Leserinnen und Leser,

das Zeitalter der Verschleierung werden die Historiker der Zukunft die Zeiten der Gegenwart rückblickend wohl nennen. Verschleiert sind Blick und Verstand von einer diffusen Hysterie, die dem Verständigen schleierhaft erscheint. Selbst manch ein hartgesottener Humanist, der sonst beim leisesten Hauch von Religion bereit ist, die Masken fallen zu lassen, beruft sich jetzt gerne auf die christlichen Wurzeln des Abendlands: Die Burka gehört nicht nach Deutschland.

Unabhängig von der Notwendigkeit einer kritischen Diskussion, was denn die Burka überhaupt bedeutet, ob sie überhaupt religiös begründbar ist und was hinter ihr für ein Frauenbild steckt, das zweifelsohne nicht mit den hart errungenen und keinesfalls von sich aus selbstverständlichen Werten des Abendlandes kompatibel ist, wird die Forderung eines Burkaverbotes zum Kollektivsymbol, hinterm man sich nun mutig verschanzen kann. Da hilft auch nicht der an den gesunden Menschenverstand appellierende Hinweis, dass es in Deutschland so gut wie keine Burkaträgerinnen gibt und man eine Fata Morgana bekämpft: Die edlen Ritter, die in der Neuzeit die Nachfolge von Don Quichotte angetreten haben, lieben immer noch die heiße Luft, die die Gerüchtemühlen ohne Unterlass erzeugen. Ihre wahre Unkenntnis offenbarend wird da manches durcheinandergeworfen. Ganzkörperbadanzüge – die sogenannten Burkinis – sollen gleich mit verboten werden, womit am Badestrand Frauen quasi genötigt werden, endlich einmal Haut zu zeigen. Und auch juristisch dürfte ein Burkaverbot schwer durchzusetzen sein. Man müsste ja genau definieren, welche Art von Kleidung verboten ist. Von einem Verschleierungsverbot wären sonst in der Tat – wie es der nordrhein-westfälische Innenminister mutmaßt – auch Nikolauskostüme und manche karnevalistische Verkleidung betroffen. Eine engere Definition, welche Art von Verhüllung denn nun von einem Burkaverbot betroffen ist, eröffnet hingegen unmittelbare Weg, das Verbot zu unterlaufen. Kleinere Veränderungen am textilen Gewebe – und die Burka wäre keine Burka mehr im Sinne des Gesetzes.

Man kann es also drehen und wenden wie man will: Die gegenwertige Diskussion wird nicht mehr von einer Vernunft und Verstand geleitet, sondern von einer Rhetorik des Heulens und Zähneknirschens. Das Abendland steht offenkundig an eben jenem intellektuellen Scheideweg, an dem auch die Festgäste aus dem Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl im Matthäusevangelium stehen (vgl. Matthäus 22,1-14): Unverhofft und unerwartet werden sie aus dem Alltag heraus zu königlichen Hochzeitsmahl geladen. Als der König den Hochzeitssaal betritt, sieht er einen, der kein Hochzeitsgewand anhat. Offenkundig hatten also alle anderen trotz der alltäglichen Einladungssituation trotzdem festlich gewandet; sie waren bereit und vorbereitet gewesen für das Unerwartbare. Der eine aber wird vom König zur Rede gestellt, kann aber noch nicht einmal einen Grund dafür angeben, warum er kein Hochzeitsgewand hat.

Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt. (Matthäus 22,13f)

Hände und Füße binden, in die Finsternis geworfen werden und dort heulen und mit den Zähnen knirschen – das sind die vermeintlichen Strafen mit denen der König den armen Tropf belegt. Die Reaktion des Königs erscheint maßlos und ungerecht. Und doch scheint gerade dieses harte Wort ein ureigenstes Wort aus dem Munde Jesu selbst zu sein – eine sogenannte ipsissima vox. Denn die Wendung ἐκεῖ ἔσται ὁ κλαυθμὸς καὶ ὁ βρυγμὸς τῶν ὀδόντων  (gesprochen: ekeî éstai ho klauthmòs kaì ho brygmòs tôn odónton – wörtlich: er wird der Heulende und der mit den Zähnen Knirschende sein) findet sich wortwörtlich auch im Evangelium vom 21. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres C – dort freilich in einem anderen bildlichen Zusammenhang. Hier geht es um die Frage der Rettung. Auf dem Weg nach Jerusalem fragt einer der Jünger Jesus:

Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? (Lukas 13,23)

Die Frage liegt nahe, denn dem Text gehen im Lukasevangelium die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig voraus. Gerade das Gleichnis vom Sauerteig impliziert, dass wenig genügt, um eine große Wirkung zu erzielen:

Außerdem sagte er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es ist wie der Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war. (Lukas 13,20f)

Ist die Rettung also ein Selbstläufer? Reicht es, abzuwarten? Ist die Allbarmherzigkeit Gottes nicht so groß, dass der Mensch sie gar nicht verfehlen kann?

Die Banalität mit der manche von der Liebe Gottes sprechen, deutet darauf hin, dass der liebe Gott tatsächlich ein netter Popanz ist, der doch nicht wirklich böse sein kann. Da schreckt allein schon die Frage des Jüngers Jesu auf:

Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? (Lukas 13,23)

Die Antwort Jesu passt nicht wirklich in das selbstgenügsame Konzept einer modernen, kinderkatechesengestählten Verkündigung:

Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. (Lukas 13,24f)

Das ist nicht die frohe Botschaft, die sich die wohlstandgewöhnten Vertreterinnen und Vertreter des christlichen Abendlandes hören möchten – oder vielleicht doch? Der Ruf nach der verschlossenen Tür erschallt doch gerade in diesen Tagen, Wochen und Monaten wieder mit zunehmender Gewalt. Die Mauern hoch, die Zäune fest geschlossen verschanzt sich manches menschliche Antlitz hinter stählernem Beton und fordert das Verbot der textilen Gesichtsverschleierung, wobei nur den allerwenigsten Eingeborenen eine Leibhaftige im stoffvergitterten Gefängnis erschienen sein dürfte.

Selbst wähnt man sich auf der sicheren Seite des rettenden Stacheldrahtes. Man ist ja gläubig – oder hatte zumindest gläubige Vorfahren auf deren christliche Wurzeln man sich jetzt flugs besinnt. Jäh aber bringt der folgende Satz Jesu das ideologische Kartenhaus zum Einsturz:

Dann werdet ihr sagen: Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird erwidern: Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! (Lukas 13,26f)

Zusammen zu Essen und zu Trinken, die Mahlgemeinschaft Jesu und das andächtige Lauschen seiner Worte – all das reicht nicht allein. Wieviele bilden sich wohl ein, in einer innigen Christusverbundenheit zu stehen, die sie in eitler Frömmigkeit pflegen? Und wieviele von ihnen werden erkennen müssen, dass genau das Weg durch die breite Tür war, die vor die anklagende Erkenntnis im Angesicht Jesu führt:

Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! (Lukas 13,27)

Das ist der Entscheidende Satz:

Ihr habt alle Unrecht getan! (Lukas 13,27)

Der griechische Text verwendet hier das Wort ἐργάται (gesprochen: ergátai), das eng mit ἔργον (gesprochen: érgon) verwandt ist. ἔργον bedeutet „Arbeit“.

Die Forderung Jesu ist eindeutig: Nicht die Mahlgemeinschaft und nicht das Hören auf seine Worte bewirken die Rettung, sondern die Arbeit für ihn. Das Wort Gottes will getan werden. Wer mit Jesus Mahlgemeinschaft hält, muss sich selbst wandeln. Wer vor dem Allerheiligsten kniet, muss sich auf der Straße vor den Geringsten niederbeugen, den auch in ihnen wohnt der Geist Gottes.

Wer hingegen habgierig das Heil für sich allein beansprucht und hochmütig auf die herabschaut, die nicht so fromm sind, wie man selbst, der hat das Unrecht schon längst begangen. Die Strafe folgt auf den Fuß:

Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. (Lukas 13,28)

Viele Fromme knien ohne Hochzeitsgewand vor dem Allerheiligsten. Das Hochzeitsgewand hätten sie auf der Straße bekommen können: Seide aus Syrien, Schmuck aus Nordafrika, Schuhe von den Obdachlosen. Das Festgewand liegt im Dreck der Welt. Wessen Hände jetzt nicht schmutzig vor Arbeit werden, der mag dem Herrn die fromm gefalteten Hände sauber hinhalten – es wird nichts nützen. Wahrlich: Es wird ein Heulen und Zähneknirschen sein über die Ungerechtigkeit, die einem dann widerfährt – eine Ungerechtigkeit, die man selbst getan hat. Der fromme Bumerang, er kehrt zurück und trifft doppelt hart, denn:

Und man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten. (Lukas 13,29f)

Offenkundig schert Gott sich wenig um die fromme Etikette. Tatsächlich will er alle Menschen zu sich rufen. Aber nicht alle werden die Rettung genießen können. Es wird sein wie mit dem armen Lazarus: Wer auf Erden schon die Mahlgemeinschaft mit Jesus über die Maßen genossen und seinen Worten gelauscht hat, während er sich mit frommem Ekel von denen, die irgendwie anders sind, abgewandt hat und verschlossen hat, der hat seinen Lohn bereits erhalten. Er muss aber erkennen, dass er sich mit zu wenig zufrieden gegeben hat. Denn im großen Festsaal des Reiches Gottes sind die besten Plätze mit anderen besetzt. Frömmigkeit alleine genügt eben nicht. Jesus sucht vor allem Arbeiter im Weinberg und weniger den frommen Beter ...

Der Ort, wo der Mensch zu einem Heuler und mit den Zähnen Knirschender wird, ist er selbst. Der Mensch schmiedet sich seine Zukunft selbst. Und die Zukunft ist größer und weiter, sie weist über das irdische Leben eines Menschen hinaus.

Die Tatsache, dass heute wieder so viel geheult und mit den Zähnen geknirscht wird angesichts der Herausforderungen der Gegenwart, zeigt, dass Europa das Urteil über sich selbst längst gefällt hat. Es ist offenkundig nicht bereit, die eigenen selbstgemachten Versprechungen von Menschenrechten zu erfüllen. Die Hysterie hat den Verstand niedergerungen, die Emotion die Information verdrängt. Mit dem Burkaverbot etwa bekämpft man ein Phantom und wähnt sich als Freiheitskämpfer. Die notwendige Auseinandersetzung mit dem hinter der Burka stehenden Denken aber scheuen diese Kämpfer – die wirtschaftlichen Verträge etwa mit Saudi-Arabien sind einfach zu wichtig ... Es ist wirklich zum Heulen und Zähneknirschen.

Ich wünsche Ihnen eine segensreiche Arbeitswoche,
Ihr Dr. Werner Kleine, PR
Katholische Citykirche Wuppertal

Alle "Wochenworte" finden Sie in unserem Weblog "Kath 2:30":
"Wort zur Woche" auf Kath 2:30

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