Fasten furios

Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine, PR

Die Masken sind gefallen, die wahren Gesichter kommen wieder zum Vorschein. Im Kreis der Wiederkehr des ewig Gleichen schwillt nun das mediale Weißrauschen aus Fasten-Tipps, Fasten-Bekenntnissen und Fasten-Scheitern ans: Verzicht auf Alkohol, Zucker, Facebook. Fasten furios!

Wer auf Alkohol, Zucker oder soziale Medien verzichtet, ist noch lange kein Asket. Man verzichtet bloß auf ein wenig Luxus, gönnt sich aber gleichzeitig die Prognose einer schlechten Laune, die auch nicht anderes ist als das Symptom eines kalten Entzugs. Was glauben Sie denn?

Besonders ergreifend sind jene Schicksale, die das Fasten dann doch noch mit einem Sinn aufladen wollen. Am Ende des Alkoholverzichtes steht der medizinische Checkup - auf dass die Leberwerte wieder stimmen. Das Zuckerfasten dient dazu, den wie bei dem Konsum von Drogen gesteigerten Serotonin- und Dopaminspiegel zu senken, um wieder sensibler für die Welt zu werden. Freilich bezahlt man die gesteigerte Aufmerksamkeit mit der fastenmanipuliert erhöhten Ausschüttung der körpereigenen Botenstoffe Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin und Cortisol, nach denen manche gar krankhaft süchtig werden. Der Verzicht auf soziale Medien schließlich wird nicht selten der eigenen Familie gewidmet, mit der man wieder mehr Zeit verbringen möchte.

Mensch! - möchte man da den Fastenden zurufen - wenn ihr doch wisst, dass euch das alles schadet, warum macht ihr es dann überhaupt? Macht ihr nach Ostern weiter wie vor Aschermittwoch? Hat die Familie nicht immer mehr Zeit verdient? Nutzt es wirklich, wenn ihr wegen ein paar medizinischer Werte weniger trinkt, um danach wieder mit beruhigtem Selbstbetrug tiefer ins Glas zu schauen? Und Zucker ... gut, das mit den Süßigkeiten bringt im stressigen Alltag doch immer wieder kleine Lichtblicke. Gerade deshalb stehen sie ja überall herum, weil ein Stück Schokolade selbst grollende Chefs hin und wieder besänftigt.

Die römisch-katholische Kirche weiß schon, warum sie mit dem Aschermittwoch und dem Karfreitag nur zwei echte Fast- und Abstinenztage kennt, die eng mit dem Tod verbunden sind. Die 40 Tage dazwischen sollen eben keine sieben Wochen ohne sein, sondern sieben Wochen mit! - Mit mehr Mut, zu sich selbst zu stehen; mit mehr Mut zur Wahrheit im Alltag; mit Freude am Leben, das gerade wegen seiner Endlichkeit so lebenswert ist! Genau darauf laufen die 40 Tage doch zu: Auf das große Fest der Auferstehung des Gekreuzigten, ein Fest des Lebens, das der Tod nicht halten kann. Der Tod drückt, das Leben zieht. Wen das Fasten drückt, der sollte sich ziehen lassen.

Nach der Fastenzeit wird es übrigens weitergehen im Kreis der ewigen Wiederkehr. Vor den Ferien gibt es Tipps für einen friedvollen Urlaub, vor Weihnachten wird vor überzogenen Ansprüchen gewarnt. Zu Sylvester wird dann wieder über Vorsätze geredet, die bereits mit dem Sonnenaufgang am Neujahrsmorgen in den Zustand willensmäßiger Verwesung übergegangen sind. Vorsicht also, wer sich den Vorsatz furiosen Fastens setzt. Wenn ihr schon fastet, redet nicht soviel darüber. Werdet nicht zu Heuchlern mit finsteren Gesichtern, damit euch die Leute bewundern. Wenn euch der Verzicht bedrückt, dann verzichtet auf den Verzicht! Lasst die Masken fallen, ihr Narren. Karneval ist doch vorbei. Lebt dafür endlich euer Leben. Ihr habt kein anderes, sondern nur dieses eine.

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht in der WZ Wuppertal vom 16. Februar 2018

In der Kolummne “Was glauben Sie denn?” der Westdeutschen Zeitung Wuppertal äußert sich Dr. Werner Kleine regelmäßig zu aktuellen Themen aus Kirche, Stadt und Land. Alle Texte der Kolummne erscheinen auch im Weblog "Kath 2:30":

"Was glauben Sie denn?" - Kath 2:30

<< Februar 2018 >>
MoDiMiDoFrSaSo
2930311234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627281234
logisch! Zeitung der Katholischen Citykirche Wuppertal