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Liebes Aztekenstadion,


Gekaufter Mythos: Die große mexikanische Bank Banorte zahlt für die Namensrechte am Aztekenstadion. (Foto: Øle Schmidt)

Von Øle Schmidt, San Cristóbal de Las Casas, Mexiko

jetzt bist Du um einen weiteren Rekord reicher: Du bist die erste Arena weltweit, in der Spiele dreier Fußball-Weltmeisterschaften ausgetragen wurden. Felicidades, herzlichen Glückwunsch! Seit fast einem halben Jahrhundert begleitest Du mich. Wir hatten gute Zeiten, wir hatten schlechte Zeiten, manchmal meinte ich, Dich vergessen zu können; wie das so ist, in einer Fernbeziehung. Und dann – dann hast Du die nächste Explosion in meinem Herzen gezündet.

Mit Acht habe ich zum ersten mal von Dir gehört. Ein argentinischer Reporter sprach bei der Fußball-WM 1978 Deinen Namen aus: Estadio Azteca. E-sta-dio Az-te-ca. Es war Liebe auf den ersten Klang! Ich war gefangen in einer schmucklosen rheinischen Kleinstadt, Du beschenktest mich mit Magie und Exotik, und meinem ersten Fernweh. Natürlich hatte ich keine Ahnung, dass Du nicht mehr aus meinem Leben verschwinden würdest. Und wir uns eines Tages sogar begegnen sollten.


Öffentlicher Mythos: Fans in einer Metrostation auf dem Weg zum Aztekenstadion. (Foto: Øle Schmidt)

Du bist ein Mythos, eine der großen Bühnen des schönen Spiels, wie Pelé den Fußball einst nannte, wo Sterne aufgehen und andere verglühen.

Unvergessen sind die Tränen von Berti Vogts in Deinen Katakomben bei der Weltmeisterschaft 1970. Wieder eine Niederlage gegen die Italiener, und was für eine! Die Mutter aller K.O.-Spiele, bei 50 Grad auf Deinem Grün, sagenhaft. Nie fielen mehr Tore in einer WM-Verlängerung. Nach dem Schlusspfiff dieses epischen Kampfes um den Finaleinzug erhoben sich 102.444 verzauberte Fußballfans. Seitdem empfängst Du Besucherinnen mit einer Gedenktafel, liebes Aztekenstadion: »17. Juni 1970, Italien gegen Deutschland 4:3. Spiel des Jahrhunderts.«

Bei der WM 1986 schlugen die fünf Minuten des Diego Armando Maradona in der mexikanischen Hauptstadt. Dem Himmel so nah auf 2.200 Metern schob er mit der »Hand Gottes« den Ball ins Tor der entsetzten Engländer, um dann zu einem Solo großer Schönheit anzusetzen, an dessen Ende das »Tor des Jahrhunderts« stand. Manche verstanden den Jubel Maradonas über den Sieg gegen die Engländer als antikoloniale Ohrfeige, vier Jahre nach der Niederlage Argentiniens im Krieg um die Falklandinseln.

Der Schriftsteller Eduardo Galeano schrieb einst: »Haben Sie schon einmal ein leeres Stadion betreten? Stellen Sie sich in die Mitte des Feldes und hören Sie zu. Das Maracanã in Rio weint immer noch über Brasiliens Niederlage bei der Weltmeisterschaft 1950. Aus den Tiefen des Aztekenstadions können Sie die zeremoniellen Gesänge beim archaischen Ballspiel der Azteken hören.«


Aufgehübschter Mythos: Arbeiter streichen und lackieren rund um das Aztekenstadion. (Foto: Øle Schmidt)

Und dann war es so weit. Mexiko-Stadt: Smog und faszinierendes Chaos, Aztekenstadion, Patina und Fußballromantik pur! Ich kam als Reporter für ein deutsches Fußballmagazin, aber das damalige Ligaspiel geriet zur Nebensache. Denn es war längst um mich geschehen, als ein Mitarbeiter mich persönlich zu meinem Platz gebracht und den geschichtsträchtigen Metallsitz mit einem Tuch entstaubt hatte. Auf dem Weg zu Dir, liebes Aztekenstadion, sah ich auch das verwundete Mexiko. Obdachlose vor obszönen Palästen, die dunkle Zwischenwelt der papierlosen Migranten, von Männern geschundene Frauen.

Als Fußballpurist war es für mich nie einfach, dass Du Televisa gehörst, einem der größten Medienkonzerne Lateinamerikas, oder dass Du der mexikanische Bank Banorte Deine Namensrechte verkauft hast. Aber die Sache mit dem Olympischen Fußballturnier auf Deinem heiligen Rasen, die werde ich Dir nie verzeihen können. Im Oktober 1968 ließ der mexikanische Präsident Diáz Ordaz Studierendenproteste in Mexiko-Stadt in Blut ertränken, das Massaker von Tlatelolco, um nur elf Tage später ungestört eine »Olympiade des Friedens« zu eröffnen. Damals hast Du Deine Unschuld verloren, liebes Aztekenstadion. Wie konntest Du Dich nur für diesen diabolischen Plan der Mächtigen hergeben?

Øle Schmidt lebt als freier Journalist und Autor in Deutschland und Lateinamerika. Aus El Salvador hat er für WDR und SWR berichtet, für Misereor und Amnesty International.

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