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»Wir nennen es die Weltmeisterschaft der Enteignung«

Ausgelassene Stimmung, Besucherrekorde, performende Weltstars – Fifa und Medien ziehen Bilanz der Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada, den USA und in Mexiko, der ersten in drei Ländern. Als Bewohner eines WM-Standortes hat der Künstler und Aktivist Vlocke Negro aus Mexiko-Stadt einen anderen, einen kritischen Blick auf das Turnier.


Der FIFA-Hauptsponsor Coca-Cola ist der Lieblingsfeind von Straßenkünstler Vlocke Negro. (Foto: Øle Schmidt)

Von Øle Schmidt, San Cristóbal de Las Casas, Mexiko

Er hat tatsächlich ein Gesicht. Auf den Videos, die im Netz kursieren, ist der urbane Straßenkünstler Vlocke Negro vermummt oder mit tief heruntergezogener Kapuze zu sehen. Vor mir steht ein höflicher Mann mit schwarzem krausen Haar und Sorgenfalten, der ohrenscheinlich mit einer Nebenhöhlenentzündung zu kämpfen hat. Der Smog in Mexiko-Stadt ist legendär. Vlocke Negro gehört zu den Antimundialistas, den WM-Kritikern. Seine Wandbilder gegen die Fifa und deren Hauptsponsor Coca Cola sind auf Fassaden und Bauzäunen zu sehen.

»Wir nennen es die Weltmeisterschaft der Enteignung«, sagt der Vierzigjährige ernst. »Die Fifa und die mexikanische Regierung haben unser Wasser und unser Land gestohlen, sie haben uns aus unseren Vierteln vertrieben.«

Damit ist der Ton gesetzt.

»Und mit ihrer Ultrakommerzialisierung des Turniers und den Mondpreisen für Tickets haben sie uns obendrein die Freude am Fußball gestohlen«, ergänzt der Aktivist.

Dem Anlass unseres Treffens entsprechend trägt Vlocke Negro ein Trikot der mexikanischen Nationalmannschaft. »Fifa go home!«, hat er darauf gedruckt, etwas versetzt Fußball spielende Frauen der zapatistischen Guerilla platziert, vermummt natürlich.

»Es gibt genug Wasser in Mexiko-Stadt, das Problem ist die Verteilung: Das Wasser geht an große Unternehmen wie Coca-Cola, dem Hauptsponsor der Fifa. Es ist ein Skandal, dass die Regierung eine private Wasserkonzession an Televisa vergeben hat, den Besitzer des Aztekenstadions. In dem Viertel des Stadions, in Santa Ursula, kommt seit Jahren nicht genug Wasser an.«


Das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt während der Umbauarbeiten vor der WM 2026. (Foto: Øle Schmidt)


Plakate und Graffitis gegen die FIFA und die Fußball-Weltmeisterschaft am Bauzaun vor dem Aztekenstadion. (Foto: Øle Schmidt)

Bewohnerinnen von Santa Ursula haben in Medien von mehreren Tagen in der Woche ohne Wasser berichtet. Keine Klospülung. Keine Dusche. Dafür Stapel dreckigen Geschirrs.

Vlocke Negro lässt sich mit »Schwarzer Block« übersetzen. Und dafür, dass seine im Netz gefeierten politischen Botschaften voll auf die Zwölf gehen, ist er zurückhaltend im persönlichen Gespräch, fast schon schüchtern.

»Die WM hat die Wohnungsnot in Mexiko-Stadt verschärft«, kritisiert Vlocke Negro. »Für das Turnier wurden private Wohnungen zu kommerziellen Unterkünften für Airbnb umgewandelt. Wegen der Modernisierung von Wohnraum sind zudem die Mieten gestiegen, und Bewohnerinnen mussten ihre Viertel verlassen.«


»Wer kann diese hohen Mieten in CDMX, in Mexiko-Stadt, noch bezahlen?«, fragt Vlocke Negro wegen der explodieren Preise anlässlich der WM. (Foto: Øle Schmidt)

Die Weltmeisterschaft in Mexiko stand unter dem Stern einer humanitären Krise. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Ermordeten explodiert, offiziell sind mehr als 130.000 Menschen verschwunden. Vor dem Turnier hatten die Mütter von Verschwundenen, die Madres Buscadoras, unweit des WM-Stadions in Guadalajara Massengräber mit Hunderten Säcken mit Leichenteilen entdeckt.

»Auch die Mütter waren Teil unseres Netzwerkes gegen die Fifa-Weltmeisterschaft«, sagt Vlocke Negro. »Der offizielle mexikanische WM-Slogan ist: »Der Ball kommt zurück nach Hause.« Zusammen mit den Müttern der Verschwunden fragen wir die politische Klasse: »Wann endlich kommen die Verschwundenen nach Hause?«

Auf dem Schreibtisch in seinem Atelier liegen Entwürfe der Kampagne gegen die WM, die Siebdruckmaschine läuft, an den Wänden hängen Dollarscheine mit den Namen von gentrifizierten Vierteln in der Hauptstadt. Alles auf engstem Raum, denn auch die Colonia Doctores, wo Vlocke Negro arbeitet, steht auf den Dollarscheinen.


Auch die Straßenbahnen in Mexikos Hauptstadt wurden hübsch gemacht für die Weltmeisterschaft – allerdings nur die Linien, die zum Aztekenstadion fahren. (Foto: Øle Schmidt)

»Viele Besucherinnen der WM sind mit Komplettpaketen nach Mexiko gereist, die sie vorab bei großen Tourismuskonzernen online gebucht und bezahlt haben. Lokale Hotels und Restaurants sind oftmals leer ausgegangen«, sagt Vlocke Negro.

Die Bewohnerinnen von Santa Ursula beklagten, dass auch drei Weltmeisterschaften im Aztekenstadion ihre Lebensbedingungen nicht verbessert hätten, ganz im Gegenteil.

»Es hat sie nicht überrascht, dass während des Turniers lokaler Handel im Umkreis von anderthalb Kilometern um das Stadion verboten war«, sagt Vlocke Negro. »Das war eine Katastrophe für die mobilen Verkäufer und die Garküchen in diesem Gebiet. Schon vor einem Jahr hatte die Stadt Hunderte Sexarbeiterinnen, die in der Nähe des Aztekenstadions gearbeitet haben, vertrieben, indem sie Fahrradwege auf den Straßenstrich gebaut haben.«


Der mexikanische Nationaltorwart Ochoa wirbt für die Nutzung einer Kreditkarte. (Foto: Øle Schmidt)

Auf dem Rückweg passiere ich einen Kiosk. Eine Zeitung titelt: »Fifa zahlt keinen Peso Steuern auf ihre Einnahmen während der WM.«

Øle Schmidt lebt als freier Journalist und Autor in Deutschland und Lateinamerika. Aus El Salvador hat er für WDR und SWR berichtet, für Misereor und Amnesty International.

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