Die mexikanische Schriftstellerin Elena Poniatowska hat darüber geschrieben, wie weit die politische Elite ihres Landes bereit war zu gehen, um die Weltöffentlichkeit mit einer Megaveranstaltung zu beeindrucken. Ihr Buch über das Massaker von Tlatelolco wenige Tage vor den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt hat sie international bekannt gemacht. Eine kurze Begegnung in der Hauptstadt.

Die Schriftstellerin und Journalistin Elena Poniatowska hat auch die Geschichte des Massakers von Tlatelolco aufgeschrieben. (Foto: Wikipedia)
Von Øle Schmidt, San Cristóbal de Las Casas, Mexiko
Da sitzt sie nun, die große Elena Poniatowska. Klein und zerbrechlich, mit ihren mittlerweile 94 Jahren, mit ungebrochener Angriffslust. Ihren Platz im Pantheon der großen Erzählerinnen Mexikos hat sie nie wirklich bezogen, die abgehobene literarische Bohème ist ihr bis heute fremd, die wortgewaltige Schriftstellerin und Journalistin hält es lieber mit denen, die keine Stimme haben.
»Ich habe Limonade gemacht«, sagt sie, »mit frischer Zitrone.«
Nichts an dem hellen, freundlichen Wohnzimmer in dem wohlsituierten Viertel von Mexiko-Stadt lässt vermuten, dass Elena Poniatowska Expertin des Scheiterns ist. Expertin für das tragische Scheitern von Mexikos ruchloser Elite, bei einer globalen Großveranstaltung gut dazustehen vor der Weltöffentlichkeit. Koste es, was es wolle.
Ihr 1971 erschienener Zeitzeugenbericht »Eine Nacht in Tlatelolco« machte sie damals international bekannt. Was war geschehen in dieser Nacht?
»Junger Mann, haben Sie denn mein Buch nicht gelesen?«, fragt sie resolut. »Wie soll ich mich in meinem Alter an Details erinnern können?«

Am Plaza de las Tres Culturas, im Stadtteil Tlatelolco, erinnert ein Denkmal an das Massaker von 1968. (Foto: Ralf Roletschek/Wikipedia)
Historikerinnen und Politikwissenschaftler sind sich mittlerweile einig, dass Präsident Gustavo Díaz Ordaz wenige Tage vor den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt Scharfschützen zu einer friedlichen Manifestation tausender Studierender entsandte. Schwarz-Weiß-Fotos zeigen Blutlachen, Leichen und lähmendes Entsetzen in den Gesichtern der Überlebenden.
Die »Spiele des Friedens« waren eröffnet.
»Weil die Augen der Welt während Olympia auf Mexiko gerichtet waren, war Präsident Díaz Ordaz bereit, die Axt ’rauszuholen, und die Studierendenbewegung zum Schweigen zu bringen«, sagt die Chronistin des kollektiven Traumas.
Es waren die ersten Olympischen Spiele in der Dritten Welt, wie man damals noch sagte, und die anderen Welten sollten den Protest der Studierenden gegen Autoritarismus, gegen staatliche Gewalt und die Ungleichheit im damaligen Mexiko weder hören noch sehen. Design statt Sein, mit eingepreistem Blutzoll.
Das Kalkül der mexikanischen Regierung: Das Design bestimmt das Bewusstsein der Weltgemeinschaft, denn auch damals ging es um viel. Um Geld und internationale Reputation, um die Geburt nationaler Identität. Auf Neudeutsch: Sportswashing.
»Nach dem Massaker verordnete die Regierung Friedhofsruhe«, erinnert sich Elena Poniatowska. »Die Welt sollte einen guten Eindruck von Mexiko haben. Aber das Töten von Studierenden macht keinen besonders guten Eindruck.«
Nicht wenige sagen, dass damals auch das Aztekenstadion seine Unschuld verloren habe, auf dessen Rasen wenige Tage nach dem Massenmord der Regierenden das Olympische Fußballturnier angepfiffen wurde.
Zehn Jahre später sollte der argentinische Diktator Jorge Rafael Videla bei der Eröffnung der Fußball-WM im River-Plate-Stadion Friedenstauben aufsteigen lassen, während nur wenige Hunderte Meter entfernt die Schreie gefolterter Regimegegner durch die Nacht hallten.
Schätzungen gehen von bis zu 300 Ermordeten in Tlatelolco aus. Und auch wenn die mexikanische Regierung Dekaden später die traumatische Nacht als »Staatsverbrechen« einräumte, ist bis heute kein Verantwortlicher juristisch zur Rechenschaft gezogen worden.
»Die Einzigen, die nach dem Massaker eingesperrt wurden, waren Studierende«, sagt Elena Poniatowska und nippt an ihrer Limonade. »Der Befehl für den Einsatz der Scharfschützen kam direkt vom Präsidenten, und der hatte nicht die Absicht, sich selbst ins Gefängnis zu bringen.«

Ein Überlebender Student wird nach dem Massaker von Tlatelolco von einem Fotografen der Regierung aufgenommen. (Foto: El Proceso)
Nach Tlatelolco versank Mexiko in Agonie, ein bleiernes Schweigen lag über dem Land. Elena Poniatowska sprach dennoch mit den Familien der Opfer. »Ich war persönlich verletzt von dem Massaker der Mächtigen, ich war zornig, entsetzt, und musste darüber schreiben. Die wirklich Mutigen aber waren die Mütter, die öffentlich über das Leid ihrer Kinder gesprochen haben«, sagt sie.
»Eine Nacht in Tlatelolco« hat seinerzeit einen Beitrag geleistet, das Schweigen in Mexiko zu brechen und einen öffentlichen Diskurs über das Verbrechen der Regierung Díaz Ordaz in Gang zu setzen. Bevor ich meine Frage stellen kann, sagt die Schriftstellerin bestimmt: »Unsinn, junger Mann, Bücher verändern die Welt nicht, auch meine nicht. Vielleicht mit Ausnahme der Bibel oder anderer religiöser Bücher, die zum Glauben anregen. Aber ganz bestimmt ändern auch meine Bücher nicht den Lauf der Dinge.«
Damit ist das Gespräch beendet.
Øle Schmidt lebt als freier Journalist und Autor in Deutschland und Lateinamerika. Aus El Salvador hat er für WDR und SWR berichtet, für Misereor und Amnesty International.