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»Aber die Verlängerung, oh mein Gott, die hatte es in sich!«

Der Mexikaner Sergio Jara hat das Jahrhundertspiel zwischen Italien und Deutschland bei der WM 1970 im Aztekenstadion gesehen – nicht auf einer der Metallsitze zum Ausklappen, sondern auf einer Bank neben dem Spielfeld.


Sergio Jara (Foto: Øle Schmidt)

Von Øle Schmidt, San Cristóbal de Las Casas, Mexiko

Es gibt Orte in Mexiko-Stadt, an denen man denkt, überall zu sein, nur nicht in Mexiko-Stadt. Der Teil von Xochimilco, in dem Don Sergio mit seiner Frau lebt, ist so einer. Keine aufgeplatzten Müllsäcke auf dem Gehweg, kein Graffiti, kein fauliger Gestank. Vögel zwitschern in der Privada, wo Besucher bei der Eingangskontrolle ihren Ausweis abgeben müssen. Ein anderes Gesicht der Ciudad Monstro, der Monsterstadt, wie ihre Bewohnerinnen sie nennen.

»Wolltest du die hier sehen?«, fragt mich Don Sergio mit einem breiten Grinsen. Der Achtzigjährige reicht mir vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos. Er, im lässigen Anzug, jung, mit nicht weniger lässigen italienischen Nationalspielern in Ballonseide. »Das ist Luigi Riva«, sagt er stolz, »hier bin ich mit Gianni Rivera.«


Enrico Albertosi (Foto: Privat)

Riva und Rivera haben 1970 in Mexiko-Stadt in der Verlängerung des Spiels getroffen, wegen dessen ich hier bin. »El Partido del Siglo«, seufzt Don Sergio, das Jahrhundertspiel zwischen Italien und Deutschland.

Der Mexikaner Sergio Jara, mit akkurat nach hinten gegeltem grauem Haar und dieser kindlich diebischen Freude, hat das legendäre Halbfinale im Aztekenstadion gesehen. Nicht auf einer der Metallsitze zum Ausklappen, sondern auf einer Bank neben dem Spielfeld.

Während der WM hat er als Kameramann-Assistent für den italienischen Fernsehsender RAI gearbeitet. »Wir haben im Mannschaftsquartier der Italiener gedreht, auf dem Trainingsplatz, und natürlich während der Spiele«, erinnert sich Don Sergio. »Gefilmt haben wir auf 35 Millimeter«, sagt Don Sergio, »und die Bänder mit der nächsten Maschine nach Italien bringen lassen. Dort haben sie die Bänder bearbeitet, und tags darauf liefen sie im italienischen Fernsehen.«

Der 17. Juni 1970 war ein heißer Tag, die Sonne brannte auf 2200 Metern Höhe, das Aztekenstadion war bis auf den letzten Platz gefüllt. »Weil wir nur eine Akkreditierung hatten, mussten wir tricksen«, sagt Don Sergio schmunzelnd. »Der zweite Kameramann hatte sich die Armbinde für Pressevertreter aus dem Viertelfinale übergestreift. Wir haben gebetet, dass es niemandem auffällt.«


Gianni Rivera (Foto: Privat)

Die mexikanischen Zuschauer empfingen die Deutschen mit Applaus, die italienischen Spieler, die zuvor Gastgeber Mexiko aus dem Turnier geworfen hatten, wurden mit einem gellenden Pfeifkonzert bedacht.

»So richtig spannend war das Spiel anfangs nicht«, sagt Don Sergio, und dann blitzen seine großen braunen Augen. »Aber die Verlängerung, oh mein Gott, die hatte es in sich!« Karl-Heinz Schnellinger schoss für die favorisierten Deutschen in buchstäblich letzter Sekunde den Ausgleich. Kaiser Franz Beckenbauer spielte da schon mit gebrochenem Schultergelenk.


Luigi Riva (Foto: Privat)

Und dann nahm das Drama des bisher einzigen WM-Spiels mit fünf Toren in der Verlängerung seinen Lauf. »Es war verrückt«, sagt Don Sergio, »das ganze Stadion ist durchgedreht, die Menschen konnten nicht glauben, was sie sahen.« Am Ende stand eine Niederlage gegen die Italiener, aber was für eine! Es war die Mutter aller K.-o.-Spiele, bei 50 Grad auf dem Rasen des Aztekenstadions. Nach dem Schlusspfiff dieses epischen Kampfes um den Finaleinzug erhoben sich 102.444 verzauberte Fußballfans.

»Wir haben eine wilde Party im italienischen Quartier gefeiert«, erinnert sich Don Sergio. »Alle dachten vorher, dass sie das Spiel gegen die starken Deutschen verlieren würden.«

Besucherinnen des Aztekenstadions, dem Tempel im Herzen der mexikanischen Hauptstadt, werden seitdem mit einer Gedenktafel empfangen: »17. Juni 1970, Italien gegen Deutschland 4:3. Spiel des Jahrhunderts.«


Sandro Mazzola (Foto: Privat)

Dann winkt Don Sergio ab. »Die aktuelle Weltmeisterschaft interessiert mich nicht«, sagt er kopfschüttelnd. »Damals strömten die Menschen in die Stadien, heutzutage sind die Tickets unbezahlbar.«

Als Rausschmeißer erzählt mir Don Sergio die Geschichte, wie er einmal im Leben ein Flugzeug verpasst hat. Und zwar das von Mexiko-Stadt nach Guadalajara, ebenfalls während der WM 1970, wo Pelé für die Kollegen der RAI zum Interview bereitstand. Da die jedoch geistesgegenwärtig auf die nächste Maschine umbuchten, lief dann doch noch alles glatt. »Ich habe geschwitzt und gebetet, noch rechtzeitig zum Interview zu kommen«, sagt Don Sergio, »wie kann man nur verschlafen, wenn Pelé wartet …«

Øle Schmidt lebt als freier Journalist und Autor in Deutschland und Lateinamerika. Aus El Salvador hat er für WDR und SWR berichtet, für Misereor und Amnesty International.

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