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Ein Ton, der zu den Menschen spricht
Über Sirenen, Schofar und Glockengeläut in Israel

Das Blasen der Schofar soll die Gläubigen daran erinnern, dass es Zeit ist Buße zu tun und Schuld zu vergeben.

Text Till Magnus Steiner
Bild Christoph Schönbach

Das Heulen der Sirene ist jedesmal markerschütternd. Man kann sich dem Ton nicht entziehen, man muss sich ihm stellen. Es ist ein langer, anhaltender Ton, der sich vor einem aufbaut wie eine Wand. Ein Ton, den man nicht nicht-hören kann. In Israel erklingt sowohl am Jom HaZikaron, dem Gedenktag an die gefallenen israelischen Soldaten und die Opfer des Terrorismus, sowie am Jom HaSho’a, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts, eine Sirene, die zur Erinnerung, zum Schweigen und zum Ehrerweis anhält.

Das erste Mal, als ich das Heulen der Sirene gehört habe, war kurz nachdem ich angefangen hatte zur Sprachschule in Jerusalem zu gehen. Es war Jom HaSho’a und ich saß zwischen jüdischen Einwanderern und muslimischen sowie christlichen Palästinensern, während die Lehrerin uns Verbformen erklärte. Kurz vor 10 Uhr unterbrach sie den Unterricht: „Gleich erklingt die Sirene, wer der Opfer gedenken möchte, kann jetzt mit mir raus auf den Hof gehen. Die Anderen können hier im Klassenraum bleiben.“ Die jüdischen Einwanderer folgten der Lehrerin auf den Hof, der Großteil der Palästinenser blieb sitzen. Ich war unschlüssig, was ich machen sollte und ging auf den Flur. Ich guckte aus dem fünften Stock ’runter auf die Straßen als die Sirene heulte. Die Menschen blieben wie angewurzelt stehen, kein Auto fuhr. Ein ohrenbetäubender Lärm und zugleich völlige Stille. Ich stand da, bewegte mich nicht, schwieg und dachte darüber nach, was die Erinnerung an die Shoa für Juden in Israel bedeutet. Im Augenwinkel sah ich einige Palästinenser, die an den Tischen saßen und still warteten. Seit diesem Tag fasziniert mich das Heulen der Sirenen in Israel an Gedenktagen: Lärm, der zum Schweigen auffordert – eine Aufforderung, der man nicht entgehen kann und der man sich stellen muss.

Die Sirene als Signal zum Gedenken ist eine Tradition, die Israel aus der britischen Mandatszeit übernommen hat. Zugleich ist das Tönen zum Gedenken auch in der jüdischen Tradition verwurzelt. Im jüdischen Monat Elul, der dieses Jahr vom 16. August bis zum 13. September dauert, wird jeden Morgen außer am Schabbat nach dem Morgengebet der Schofar geblasen. Es ist der letzte Monat des jüdischen Kalenders und er ist vor allem der Buße und Vergebung gewidmet. Dazu gehört das tägliche Rezitieren besonderer Slichot, Bußgebete, vor dem Sonnenaufgang; sowie das Blasen eines Widderhorns, der Schofar, nach dem Morgengebet. Die Rabbinen begründen diesen Brauch des Schofarblasens mit einer Bibelstelle – in Amos 3,6 heißt es: „Bläst in der Stadt jemand in den Schofar, ohne dass das Volk erschrickt? Geschieht ein Unglück in einer Stadt, ohne dass der Herr es bewirkt hat?“ Das Blasen der Schofar soll die Gläubigen daran erinnern, dass es Zeit ist Buße zu tun und Schuld zu vergeben.

Generell ist der Schofar in der Bibel ein Signalinstrument. Es wird im Alten Testament verwendet, um das Heer zum Krieg zu versammeln (z.B. Richter 6,34) oder einen Krieg zu beenden (z.B. 2 Samuel 2,28). Ein neuer König wird mit dem Ton der Schofar proklamiert (z.B. 2 Samuel 15,10) und die Erscheinung Gottes auf dem Sinai wird von Hornschall begleitet (z.B. Exodus 19,16.19). Auch im Kult des Alten Testaments ist die Schofar von Bedeutung. Der Anfang des Jobeljahres wird mit „Lärm der Schofar“ markiert (Levitkus 25,9) und in Psalm 81,4 heißt es: „Stoßt in den Schofar am Neumond und zum Vollmond, am Tag unsres Festes!“ Der Prophet Joel verkündet ein großes Fasten und fordert auf: „Auf dem Zion stoßt in den Schofar, ordnet ein heiliges Fasten an, ruft einen Gottesdienst aus!“ (Joel 2,15) Sei es Krieg oder Frieden, Trauer oder Freude, in der Bibel gibt es ein Instrument, den Schofar, dessen Ton verkündet und zugleich den Menschen auffordert, zu reagieren.

Das Schofarblasen, das ich morgens im Monat Elul höre, klingt auch in meinen Ohren und fordert mich auf, Buße zu tun und Schuld zu vergeben. Es ist nicht so laut, wie die Sirene am Jom HaSho’a oder am Jom HaZikaron, aber es ist ein Ton, der sich immer wieder vor mir aufbaut, in meinen Ohren laut wird und mich auffordert. Letztlich beinhaltet dieser eine Ton eine ganze Predigt. Er sagt mir etwas. Er spricht mich an.

Till Magnus Steiner ist katholischer Theologe. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Exegese des Alten Testamentes. Er lebt und arbeitet zur Zeit in Jerusalem.

Seitdem ich in Israel lebe, bemerke ich, wie ein simpler Ton mich verändert. Wenn am Freitagabend der Schabbat beginnt, wird dies in Jerusalem durch den Ton einer unaufdringlichen Schabbatsirene kundgetan. Jetzt ist Ruhetag: Schabbat Schalom. Der Ton strukturiert die Woche und er transportiert ein Gefühl. Und manchmal, wenn der Wind günstig steht und es ruhig ist, kann ich von meinem Arbeitszimmer auch das Glockengeläut eines Klosters aus der Nachbarschaft hören. Dann halte ich inne, vertiefe mich in das Glockengeläut. Manchmal lese ich dabei Psalm 150. In Deutschland habe ich das Glockengeläut im Alltag fast nie wahrgenommen: Es gehörte einfach zu den Hintergrundgeräuschen des Lebens.

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