„Abba, Vater“ dürfen wir rufen
Fünfundzwanzig Namen von Ahmed bis Zbignew, einer darunter, der sich ein wenig nach einer deutschen Herkunftsfamilie ohne Migrationszusammenhang anhörte – nämlich Kevin -, das war die Liste der Schülerinnen und Schüler einer Klasse eines deutschen Gymnasiums, die mir eine Bekannte, die dort unterrichtet, vorlas. Eine nicht einfache Aufgabe für eine gelungene Integration, wenn die deutsche Gesellschaft sich gerade in einem 4 Prozent-Anteil repräsentiert. Trotzdem, so schilderte mir meine Bekannte die Situation in der Klasse, trotzdem sei es doch vor allem so wie in allen Klassen: es gibt welche, die begeistert mitmachen, welche die mit Mühe gelegentlich zu motivieren sind, und einige andere.
In der ersten Lesung des heutigen Pfingstfestes ist von einer ähnlichen Situation damals in Galiläa die Rede: da fährt der Geist des Herrn in die Apostel und sie reden in allen Zungen ihrer Zuhörer
„Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Jüdäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die hiesigen Römer, Juden und Proselyten, Kreter und Araber“ (Apg 1,9ff.):
alle hören sie in ihren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
Ich will damit keinesfalls die Mühen und Anstrengungen, die für eine gelungene Integration erforderlich sind, kleinreden und behaupten, eine Gesellschaft wie die unsere habe aus moralischen Gründen jedermann aufzunehmen, egal woher und aus welchem Grund und ohne Rücksicht auf ihre Belastbarkeit. Aber ich möchte uns doch einladen, diese Herausforderungen, die ja seit den Tagen der Hochzeit der Flüchtlingskrise weniger spektakulär, aber nicht weniger groß geworden sind, auch als Einladung sehen, diese Menschen, die bei uns Aufnahme gefunden haben, als Bereicherung anzusehen. Durch unser Bekenntnis zu Gottes großen Taten, denen sicher auch viele in den anderen monotheistischen Religionen zustimmen können, werden die Unterschiede nicht kleiner und die Notwendigkeit der Auseinandersetzung nicht geringer. Aber wenn ich den anderen ansehe mit dem Bewusstsein, dass auch diese mit vielleicht ihrem Kopftuch oder dieser mit seinen eigenartigen Verhaltensweisen ebenso von Gott als sein Kind angesehen wird wie ich: müsste sich dann nicht etwas in mir auch auf diese Bereicherung freuen können? Denn die gemeinsame Kindschaft der Menschheit zu unserem Gott macht mich doch wie diese nicht zu einem Sklaven, sondern zu einem Beschenkten:
„wir haben den Geist empfangen, der uns zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen, Abba, Vater!“ (Röm 8,15)
Sicher bleiben die Aufgaben dieselben und die Unterschiede werden durch eine andere Perspektive nicht kleiner. Sicher ist nach wie vor meine Überzeugung, dass im Gott des Neuen und Alten Testaments aus jüdisch-christlicher Tradition der Gott der Freiheit mehr gegenwärtig ist, weil in ihr die Auflehnung immer schon dazugehört (Jack Miles), aber wenn ich auch aus guten Gründen an meinem Glauben festhalte, so kann ich den Andersgläubigen doch auch als Gotteskind ansehen, mit dem ich zanken darf und muss, der aber trotzdem von Gott geliebt ist. Ebenso wie ich, aber nicht weniger.
Am Ende der Osterzeit wünsche ich Ihnen von Herzen eine gute Woche, die Sie immer mal wieder erleben lässt, dass der Heilige Geist tatsächlich die Erinnerung an das wachhält, was Jesus uns gesagt hat. Denn das sind die Worte des ewigen Lebens.
Ihre
Katharina Nowak