Aus dem Gesicht gefallen

Engels-Cover

Eine Ausstellung im öffentlichen Raum
mit Bildern von Anke Büttner

Ein Projekt der
Katholischen Citykirche Wuppertal
2020

Veranstaltungen

Do. 5. März 2020, 17 Uhr
Vernissage mit Enthüllung des ersten Bildes
Begleitet von »Gin & Fizz«
Basilika St. Laurentius, Friedrich-Ebert-Straße 22, 42103 Wuppertal

Do. 2. April 2020, 17 Uhr und Do. 30. April 2020, 17 Uhr (unbestimmt verschoben)
Enthüllung des zweiten und dritten Bildes
Performance »Sophia Otto« (30.04.) (unbestimmt verschoben)
Verwaltungsgebäude Elberfeld, Neumarkt 10, 42013 Wuppertal

Do. 28. Mai 2020 , 17 Uhr
Enthüllung des vierten Bildes mit Performance »Sideway-Crew«
Citykirche Elberfeld, Kirchplatz 2, 42103 Wuppertal

Aus dem Gesicht gefallen

DIE WELT ist in Bewegung, sie war es und sie wird es immer sein. Damit ist nicht nur die Rotation der Erde gemeint, die sich mit berechenbarer Zuverlässigkeit um sich selbst dreht. Wie lange sie das schon so tut, kann nur grob geschätzt werden. Ihre eigentliche Geburt lässt sich nicht sicher datieren. Das ist bei historischen Persönlichkeiten oft anders. Die Daten von Geburt und Tod, von Eintritt und Austritt aus dem weltlichen Raum-Zeit-Kontinuum, bilden den zeitlichen Rahmen, in denen sich ein menschliches Leben ereignet. Außerhalb dieses Rahmens ist der Mensch nicht. Er hat dann keine Zeit. Leben aber ist gewirkte Zeit. Vielleicht liegt hier der Grund, warum es Menschen treibt, etwas Bleibendes zu schaffen, etwas, was auch dann noch da ist, wenn der Mensch selbst aufgehört hat, Zeit zu haben.

WENN EIN 200. Geburtstag gefeiert wird, dann kann man davon ausgehen, dass der so Befeierte etwas hinterlassen hat, dessen man sich auch noch lange nach seinem Tod erinnert. Dabei ist jeder Geburtstag ein Jubiläum. Jubiläen aber folgen eigenen Gesetzen. Es soll eben gejubelt werden. In der Erinnerung wird dann manche Handlung schnell zur Heldentat, manches Wort zum alles entscheidenden Wendepunkt. Bei großen Jubiläen wie es ein 200. Geburtstag ist, bei dem der Jubilar selbst, weil die Natur halt den Tribut der Sterblichkeit gefordert hat, nicht mehr persönlich anwesend ist und selbst Zeugnis über seine Worte und Taten ablegen, sich auf ihnen zufrieden ausruhen oder sie möglicherweise sogar beschämt zurückweisen kann, gilt außerdem die alte Weisheit: De mortuis nihil nisi bene – Über die Toten sollte man niemals etwas Schlechtes sagen. So werden sehr runde Geburtstage historischer Persönlichkeiten oft zum Anlass höflicher Verklärungen, die meist eher denen gelten, die hier nur allzu oft sich selbst feiern als den Anlassgebenden: Es ist eben der berühmteste Sohn unserer Stadt, die größte Dichterin, die in unserem Tal geboren wurde, jener Mensch, der auf unseren Fluss schaute, als er die ersten Schritte seines Lebens tun konnte. Wer aber dieser Mensch ist, dem man oft monströse Denkmäler setzt, kommt nur selten zum Vorschein, ist in den Denkmälern doch das Herz der Menschen zu Stein oder Stahl erstarrt. Was aber hat das Herz aus Fleisch jenes Menschen, dessen Geburtstag man nun feiert, bewegt. Welche Freude, welche Trauer, welche Hoffnung, welche Angst, welcher Erfolg, welche Trauer, welcher Sieg, welche Niederlage hat Leben und Gesicht geprägt. Überhaupt: Welches Gesicht hatte dieser Mensch, welche Geschichte war in ihm geschrieben?

WUPPERTAL FEIERT im Jahr 2020 den 200. Geburtstag des Barmer Fabrikantensohns Friedrich Engels. Er ist zweifelsohne eine der historischen Persönlichkeiten, die mit ihrem Leben, Reden und Handeln bis in die heutige Zeit hinein wirken. Zusammen mit Karl Marx hat er Gesellschaften geprägt, politische Systeme und damit das Leben von Millionen von Menschen beeinflusst. Bis heute sind manche Forderungen von ihm bleibend aktuell und werden von bestimmten Lagern laut bejubelt, wie etwa seine 1845 in den Elberfelder Reden geforderte allgemeine und progressive Kapitalsteuer, die der allgemeinen Erziehung aller Kinder und der totalen Reorganisation des Armenwesens zugute kommen sollte. Das Letztere für ihn bedeutete, „dass die sämtlichen brotlosen Bürger in Kolonien untergebracht würden, in welchen sie mit Agrikultur- und Industriearbeit beschäftigt und ihre Arbeit zum Nutzen der ganzen Kolonie organisiert würde“, wird dann schon gerne überlesen oder als zeittypische Haltung deklariert. Wie auch immer: Friedrich Engels gehört zu denen, die Geschichte gemacht haben – Geschichte, die ein Gesicht hat.

200 Jahre nach seiner Geburt versuchen sich nun viele daran, dem Jubilar ein Gesicht zu geben, sein Wesen zu fassen, ihn einzuordnen. Das ist 200 Jahre, in denen die Zeitläufe das Gesicht der Welt mehrfach verändert haben, zwar schwierig – trotzdem wird Friedrich Engels mal zum Sozialreformer, mal zum Revolutionär, mal zum verkappten Sozialdemokraten, mal zum Frühkommunisten, mal zum Gesellschaftstheoretiker, mal zum Urahn Johannes Raus, einem anderen berühmten Sohn unserer Stadt, verklärt. Keine dieser Schubladen passt so richtig, weil Menschen sich eben nicht einfach kategorisieren lassen. Menschen sind vieles. Das wusste auch schon der Psalmist, wenn er zaudernd-staunend seinen Schöpfer fragt: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (Psalm 8,5)

Die Katholische Citykirche Wuppertal nimmt das Engelsjahr2020 zum Anlass, eine eigene Suche nach dem Gesicht Friedrich Engels‘ zu unternehmen. Sie kommt dabei einem Menschen auf die Spur, der in Wuppertal nicht als einziger auf der Suche nach der Lösung für die brennenden sozialen Fragen seiner Zeit war. Mit Johann Gregor Breuer und Adolph Kolping gibt es etwa zwei römisch-katholische Protagonisten, die das Tal der Wupper geprägt haben, ohne dass sie hier geboren wären. Sie haben sich ähnlichen Herausforderungen gegenüber gesehen, wie Friedrich Engels – und sie haben in der Stadt Spuren hinterlassen. Das Krankenhaus St. Josef, das als „Kapellchen“ bekannt ist, geht auf eine Initiative Johann Gregor Breuers zurück, ebenso die Gründung von Mädchen- und Gesellenvereinen, mit denen man der sozialen Not der Menschen begegnete. Auf sie geht das heute noch existierende, weltweit agierende Kolpingwerk zurück. Ob sich Breuer, Engels und Kolping begegnet sind? Haben sie sich ins Gesicht gesehen?

Mit Anke Büttner konnte die Katholische Citykirche Wuppertal erneut eine Künstlerin gewinnen, die sich der Herausforderung stellt, dem Menschen Friedrich Engels in einer besonderen Weise auf die Spur zu kommen. Mit dem Zyklus „Aus dem Gesicht gefallen“ hat sie vier großformatige Planen gemalt, die im öffentlichen Raum die Betrachterinnen und Betrachter herausfordern, sich zu Persönlichkeiten zu verhalten, denen das Schicksal der Menschen ihrer Zeit nicht gleichgültig war. Der 200. Geburtstag Friedrich Engels‘ ist der Anlass für das Projekt, das sich aber nicht nur mit Engels beschäftigt. So bestimmt der Kontext, in dem die Bilder zu sehen sein werden, sicher immer auch die Interpretation. Ein Bild, das an der Laurentiusbasilika hängt, zeigt einen Menschen in verzweifelter Hoffnung, gebrochen und doch aufrecht. Ist das ein zweifelnder und am Weltwesen verzweifelnder Engels oder ein leidender Christus? „Aus dem Gesicht gefallen“ zeigt, dass Solidarität viele Gesichter hat. Religiöse Menschen sehen sich hier ebenso gefordert, wie Religionskritiker. Was zählt, ist letztlich immer das solidarische Handeln, das Spuren hinterlässt – so wie die, die man heute noch von Johann Gregor Breuer und Adolph Kolping in Wuppertael sehen kann.

Es ist an der Zeit, gerade in diesen Zeiten, der Solidarität wieder Gesicht, Herz und Hände zu geben. Noch haben wir die Zeit! Noch ...

Dr. Werner Kleine, PR

Für wen haltet ihr mich?

Engels-Bild 1

ca. 500 cm x 300 cm Acryl auf Baumwollgewebe, 2019

EIN BLICK – nein, eigentlich zwei Blicke, die einen da ansehen. Zwischen Zweifel und Trauer changierend, die rechte Braue leicht spöttisch hochgezogen über einem geröteten Auge. Ist es von einem Schlag oder vom Weinen geschwollen? Der Blick ist klar und fragend: Für wen haltet ihr mich eigentlich? Bin ich für euch ein Messias? Habe ich euch Heil gebracht? Was habt ihr aus mir gemacht? Ihr seht mich ... und ich sehe euch an, mitten in eure Gesichter. Für wen ich euch halte? Findet es selbst heraus ...

Do. 5. März 2020, 17 Uhr
Vernissage mit Enthüllung des ersten Bildes
Begleitet von »Gin & Fizz«
Basilika St. Laurentius, Friedrich-Ebert-Straße 22, 42103 Wuppertal

Die Versuchung des Zaubers aus dem Anfang

Engels-Bild 2

ca. 500 cm x 300 cm Acryl auf Baumwollgewebe, 2019

EINE OFFENE HAND, ein freundliches Gesicht und an der Schläfe eine Faust – ist es die eines Denkers oder bloß geballte Körperkraft? Jedem Anfang wohne ein Zauber inne, meint Hermann Hesse – und wohl auch eine Versuchung. Das Neue ist wie ein Frühling. Saftig und kräftig sprießen die Visionen. Was aber, wenn der anfängliche Erfolg zu Kopfe steigt, wenn denen, die Solidarität fordern, die Solidarität versagt bleibt? Was, wenn Macht nicht zum Machen führt? Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt – wird Jesus im Angesicht seiner eigenen Versuchung erkennen (Matthäus 4,4); und: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. (Matthäus 7,21) Da kann man noch soviel mit Engelszungen reden und strahlen – wer ohne Tun redet, bleibt ein lächelnder Heuchler. Wenn die Lippenbekenntnisse keinen Herpes bekommen sollen, muss man seine Worte auch tun. Der Zauber des Anfangs erfüllt sich eben erst am Ende. Sonst ist alles Utopie.

Do. 2. April 2020, 17 Uhr und Do. 30. April 2020, 17 Uhr (unbestimmt verschoben)
Enthüllung des zweiten und dritten Bildes
Performance »Sophia Otto« (30.04.) (unbestimmt verschoben)
Verwaltungsgebäude Elberfeld, Neumarkt 10, 42013 Wuppertal

Vom Leben gezeichnet

Engels-Bild 3

ca. 500 cm x 300 cm Acryl auf Baumwollgewebe, 2019

DREI GESICHTER, drei Gestalten, ein Leben scheinen da aus dem Rauch einer Zigarre aufzusteigen. Träumend gedacht oder erkennend geträumt? Die Zeit scheint still zu stehen, das Leben passiert Revue. Gesichter fallen aus dem Rauch, gelebtes Leben, durchstandenes Ringen, gezeichnete Lebenslinien im Antlitz, die man nicht mehr übertünchen kann. Gesichter als Bücher des Lebens. Es heißt, dass am Ende der Zeit die Bücher der Lebenden mit dem Buch des Lebens verglichen würden. Wohl denen, deren Geschichte dem Buch des Lebens nahe kommt. Man muss nicht immer gläubig sein, um das Richtige zu tun. Das Leben steigt auf wie ein Schleier aus Rauch. Sein Duft verbreitet sich. Auch heute noch.

Do. 2. April 2020, 17 Uhr und Do. 30. April 2020, 17 Uhr (unbestimmt verschoben)
Enthüllung des zweiten und dritten Bildes
Performance »Sophia Otto« (30.04.) (unbestimmt verschoben)
Verwaltungsgebäude Elberfeld, Neumarkt 10, 42013 Wuppertal

Make up? Stand up!

Engels-Bild 4

ca. 240 cm x 480 cm Acryl auf Baumwollgewebe, 2020

ZURECHTGEMACHTE GESICHTER. Verträumt, herausfordernd, selbstbewusst. Mit Makeup kann man Masken schaffen, mit breitbärtigem Lachen auch. Hinter der Maske aber ist das wahre Gesicht. Das, was bleibt, wenn der Breitbart fällt, die Lippen erblassen und die spöttisch hochgezogene Braue Staunen weicht, ist das, was zählt. Wem gehört eine Welt, in der die Jugend noch auf eine Zukunft hofft, die die Alten mittlerweile auch noch haben? Mit Engelszungen Forderungen zu stellen, zu träumen, zu spotten und breitbärtige Siegesgewissheit zu verströmen wird alleine nicht reichen. Wo sind eure Hände? Steht auf und packt an. Ihr habt Zeit! Ihr habt die Zeit! Ihr lebt, jetzt, nicht vor 200 Jahren. Heute habt ihr Zeit!

Do. 28. Mai 2020 , 17 Uhr
Enthüllung des vierten Bildes mit Performance »Sideway-Crew«
Citykirche Elberfeld, Kirchplatz 2, 42103 Wuppertal